150 Jahre Transport im Untergrund

London ist Big Ben, Union Jack und der rote Kreis mit dem blauen Balken: die Untergrund-Bahn. Der Londoner verbindet mit der sogenannten «Tube» eine Hassliebe. Wen wundert's, hat die alte Dame doch bereits 150 Jahre auf dem Buckel. Eine Würdigung.

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Die Röhre wird 150

1:21 min, aus Tagesschau am Mittag vom 9.1.2013

Tag für Tag sind weit über 3 Millionen Menschen mit ihr unterwegs – über eine Milliarde sind es im Jahr. Die Londoner U-Bahn steht unter Dampf. So fing auch ihre Geschichte vor 150 Jahren an. Damals fuhr die erste U-Bahn der Welt vom Bahnhof Paddington nach Farringdon – mit Dampf.

Heute hat London mit über 400 Kilometern das zweitgrösste U-Bahn-Streckennetz nach Schanghai. Die U-Bahn ist jedoch keineswegs nur eine Bahn im Untergrund. Rund die Hälfte der 402 Kilometer Schienen liegt an der Erdoberfläche.

Folklore und Abneigung

Zehntausende Male hört man täglich «Mind the gap!» – bitte beachten Sie die Lücke zwischen Zug und Perron. Für Touristen ist das ein Stück britischer Folklore.

Doch: die London Underground ist längst nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Es fehlt an Sicherheit, Leistungsfähigkeit und Komfort. Sie rattert, stinkt, stöhnt und ist häufig verspätet. Zum Leidwesen der Londoner Bevölkerung. Die Abhängigkeit macht die Hassliebe zum unterirdischen Transportmittel perfekt.

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Die alte Hassliebe der Londoner zur U-Bahn (zum Teil Originalton)

0:30 min, vom 9.1.2013

Die Skepsis der Londoner gegenüber ihrem Transportmittel ist so alt wie die Bahn selbst. Noch kurz vor der Eröffnung urteilte die Zeitung «The Times», die ganze Idee sei «eine Beleidigung des gesunden Menschenverstandes». Die Stimmung schwankte zwischen Ablehnung und Technikbegeisterung.

Schnell aber siegte die Praktikabilität über ideologische Fragen. Schon im ersten Jahr nutzen 11,8 Millionen Passagiere die «Metropolitan Line», die Pionierlinie im Londoner Untergrund. London selber hatte damals gerade mal rund 3,2 Millionen Einwohner.

Londons Pendlerstrom wuchs; wo vorher kleine Dörfer standen, breitete sich die Stadt rasant aus. Heute bedient die «Tube» 270 Stationen und besteht aus elf Linien. Auch ein Facelifting für die alte Dame ist geplant. Bis 2036 sollen 16 Milliarden Pfund investiert werden.

Hochs und Tiefs

Und auch zeitgeschichtlich hatte die U-Bahn einen Einfluss. Im Zweiten Weltkrieg rettete die Tiefe der Tunnel Zigtausende Menschenleben. Londons Bevölkerung nutzte die U-Bahn als Bunker und versteckte sich dort vor den Bomben der Nazis.

Die Untergrund-Bahn gilt als ein sicheres Verkehrsmittel. Dennoch kam es in der Vergangenheit zu verschiedenen Unfällen und Unglücken. 1984 brannte die Station Oxford Circus. In der Folge wurde ein Rauchverbot in der U-Bahn verhängt. 1987 brannte es wieder – diesmal in der Station King’s Cross St. Pancras. Ein Streichholz entzündete die hölzerne Rolltreppe. 31 Menschen kamen ums Leben. Erst 2006 wurden die letzten Rolltreppen aus Holz ersetzt.

Die vielen Passagiere können aber auch zum Ziel werden. Am 7. Juli 2005 erlebte London die schlimmsten Terroranschläge seiner Geschichte: In drei U-Bahn-Zügen und einem Bus gingen Bomben hoch, 52 Menschen wurden getötet.