Am Bodensee bleiben die Netze leer

Rund um den Bodensee bangen die Fischer um ihre Existenz. Die Fangerträge sind drastisch eingebrochen. Die Fischerei macht die schwerste Krise seit über 60 Jahren durch. Nun reduzieren die Anrainerländer die Anzahl Fischerei-Patente.

Ein kleiner Egli in einem Fischernetz, an dem ein Mann mit oranger Veste gerade hantiert.

Bildlegende: Immer weniger Fische im Netz, das bedeutet ein schrumpfendes Einkommen für Berufsfischer. Keystone

110 Berufsfischer werfen ihre Netze im Bodensee aus. Einer von ihnen ist Hans Fischer aus dem thurgauischen Salmsach. Wie jeden Morgen fährt er eine Stunde vor Sonnenaufgang raus auf den See: «Jetzt ist es Zeit. Um 04.35 Uhr darf ich anfangen, die Netze einzuziehen. Das ist jetzt ein Felchen. Es kann sein, dass ich vier oder fünf habe, oder aber keinen. Das ist alles eine Lotterie.»

Viele Fische zieht der 68-Jährige mit seinen vier Schwebe-Netzen rund drei Kilometer vom Ufer entfernt nicht aus dem See. «Sechs, sieben, acht, neun, zehn Fische sind in 240 Meter Netz drinnen. Das sind vier Kilogramm. Das ist nichts.»

Weit und breit keine Kollegen zu sehen

Seit Jahren gehen die Fischerträge im Bodensee zurück. Die Lage sei so dramatisch, dass auch er schon lange nicht mehr jeden Morgen hinausfahre, sagt Fischer. Das bestätige der Rundblick über den See an dem Morgen: «Wenn Sie bei Tageslicht herumschauen, im Bereich von zwei bis vier Kilometern, so sehen Sie keinen Berufskollegen. Niemand da. Sie gehen nicht mehr, aus Renditegründen.»

Mit 441 Tonnen Fisch war 2014 das schlechteste Fangjahr der Berufsfischer am Bodensee seit langer Zeit. «Das habe ich in gut 40 Jahren als Fischer nicht erlebt. Das geht schon lange ans Lebendige. Es ist für viele eine verrückte Sache.»

Als Hauptgrund wird der geringe Nährstoffgehalt vermutet. Der Bodensee ist für die Fische zu sauber. Kein Wunder also, machen die Fischer eine schwere Zeit durch. Die Stimmung sei schlecht. «Ich kenne Fischer, die 60, 62 sind. Die sagen: Gott sei dank kommt die Rente bald. Ich versuche durchzuhalten, bis die Rente kommt.»

Weil immer weniger Fische gefangen werden, gibt es auch immer weniger Fischer. Viele haben aufgegeben. «Ich habe zwei Lehrlinge ausgebildet. Einer ist jetzt in Egnach, einer in Horn. Der in Horn hat aufgehört. Der andere fischt nur noch zeitweise. Er arbeitet als Lastwagenchauffeur, so hat er ein sicheres Einkommen.»

Geht der Beruf des Fischers einst ganz ein?

Denn von der Fischerei leben kann heute niemand mehr am Bodensee. Wer fischt, arbeitet nebenher. Doch die 110 Berufsfischer am Bodensee sind zu viele. Die Anrainerstaaten reduzieren nun bis ins Jahr 2020 die Anzahl Patente von 110 auf 80.
Auf der Schweizer Seite gibt es zurzeit 40 Berufsfischerei-Patente. Neu sollen es bloss noch 24 sein. Zuletzt wurden die Patente vor über 80 Jahren reguliert.

Hans Fischer begrüsst diesen historischen Entscheid: «Das ist eigentlich gar keine schlechte Sache. Es braucht eine Notlösung.» Handle man jetzt nicht, sei ein ganzer Berufszweig am Bodensee bedroht. «Ein Gewerbe, das 200 Jahre existiert hat, das plötzlich nicht mehr da ist. Das könnte eintreffen. Das wäre schlimm.»

«  Man konnte bisher fischen bis zum Tod. Aber das ist nicht sinnvoll. »

Hans Fischer
Berufsfischer

Nach welchen Kriterien Deutschland, Österreich und die Schweiz ihre Fischerei-Patente abbauen, ist noch offen. Tatsache ist aber, dass viele Berufsfischer im AHV-Alter sind. Sie sind von der neuen Regelung besonders betroffen. Fischer relativiert: «Man nimmt niemandem das Patent weg. Ich habe eine Liste mit der Alterszusammensetzung unserer Berufsfischer. Es ist nicht gravierend, wenn man 75 Jahre alt ist und etwas reduzieren muss. Das tut niemandem ernsthaft weh.»

Den jungen Fischern eine Chance geben

Wer älter als 70 Jahre ist, erhält neu bloss noch ein eingeschränktes Patent für den Bodensee. Für den 68-jährigen Thurgauer Berufsfischer selbst ist das kein Problem. «Man konnte bisher fischen bis zum Tod. Aber das ist nicht sinnvoll.» Man solle auch den Jungen die Möglichkeit geben, dass sie ihre Familie wieder ernähren können.

«Ich darf jetzt noch zweieinhalb Jahre mit einem vollen Kontingent fischen. Danach noch mit einem eingeschränkten. Für mich ist das eine gute Sache», sagt Hans Fischer, und fährt mit seinem kleinen Fischerboot zurück nach Romanshorn.