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Eine Wolldecke für Frankreich Der Plan, der aus der Kälte kam

In der Kälte zeigt sich, was der Wohlfahrtsstaat wert ist. Doch der Aktivismus der Regierung mutet eher befremdlich an.

Legende: Audio Der Plan «Grand Froid» der französchen Regierung abspielen. Laufzeit 02:49 Minuten.
02:49 min, aus Rendez-vous vom 19.01.2017.

Der Montag markierte eine historische Wende. Météo France verspricht eine Kältewelle. Am gleichen Tag versammelt die französische Umweltministerin alle Wetterfrösche des Landes in Paris. Sie verordnet diesen, nicht nur über das Wetter zu reden, sondern im Interesse der Republik. Die Wetterfrösche müssten in ihren Bulletins das Volk aufklären, was die Regierung von ihrer Bevölkerung in diesen kalten Tagen erwartet: Strom sparen.

Also: Keine Wäsche waschen zwischen 18 und 20 Uhr. Die Elektroheizung im Schlafzimmer auf 19 Grad stellen. Damit es genügend Strom hat für jene Mitbürger, die immer noch hinter einfach verglasten Fenstern hausen, also die grosse Mehrheit in Frankreich.

Der nationale Stromlieferant EDF verspricht, die Revision seiner 58 Atomkraftwerke zu beschleunigen. Kurz vor Kälteeinbruch die gute Nachricht: Drei Reaktoren wieder am Netz. Beruhigend. Innovative Unternehmer stellen ihre Produktion zwei Stunden pro Tag ein.

Der Präsident ruft sodann seine Minister zusammen. Er will sich persönlich darüber informieren, wie der Kälte-Plan aus der Schublade seiner Ministerien gezogen und befolgt wurde. Der Plan «Grand Froid» hat wie der Anti-Terrorplan drei Stufen. Wir überleben auf Niveau 3, der höchsten Alarmstufe. Beruhigend zu wissen: Der Präsident kümmert sich persönlich um das Wohlbefinden seiner 66 Millionen Mitbewohner.

Weniger beruhigend ist die Realität. Offiziell leben 140‘000 Menschen in Frankreich auf der Strasse. Gegen eine Million Menschen, so die sozialen Statistiker, leben in prekären Wohnverhältnissen. Darum sehe der Kälte-Plan vor, dass diese Prekären rund um die Uhr die Telefon-Nummer 115 anrufen könnten, erklären uns die Wetterfrösche. Theoretisch. Denn jeden Tag und jede Nacht fehlen Tausende warme, staatlich garantierte Schlafplätze. Darüber berichten dann die Kollegen der Wetterfrösche in den nachfolgenden Nachrichten.

Die Kluft zwischen dem Plan des Wohlfahrtsstaates Frankreich und der Realität sollte eigentlich niemanden überraschen. Es genügt ein Blick auf die Kleidung der Wetterfrösche im Fernsehen. Die Damen und Herren sind angezogen wie im Hochsommer; als würden sie gleich an ein Gala-Diner beim Präsidenten im beheizten Garten des Elysée entschwinden.

Charles Liebherr

Charles Liebherr

Seit 2014 ist Charles Liebherr Frankreich-Korrespondent von Radio SRF. Er studierte in Basel und Lausanne Geschichte, Deutsche Literatur- und Sprachwissenschaft sowie Politologie. Davor war er beim Schweizer Radio unter anderem als Wirtschaftsredaktor tätig.

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3 Kommentare

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  • Kommentar von T Deakin (Der Venner)
    Zum Glück sind wir Schweizer und unsere Regierung so viel besser als alle anderen.
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  • Kommentar von Alex Bauert (A. Bauert)
    Immerhin funktionieren in Frankreich die Pläne «grand chaud». Es verdursten keine alten Leute mehr bei hohen Temperaturen. Viel zynischer als dieser Text ist sicher die Realität in Frankreich mit 140'000 Obdachlosen und einer kleinen Gruppe extrem Reicher, die sicher keine einzige Heizung runter stellen aus Solidarität, sondern eher ihr privates Hallenbad bisschen wärmer machen als Ausgleich zu Kälte.
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  • Kommentar von Philipp Etter (Philipp Etter)
    Ich finde den Bericht ziemlich zynisch. Eigentlich steht es uns nicht zu, uns über Frankreich lächerlich zu machen. Sieht es denn bei uns, in Deutschland, Österreich, Italien oder England so viel besser aus? Frankreich hängt an AKW-Bandenergie, man kann nicht einfach so bei Bedarf mal ein paar Gigawatt mehr Leistung ins Netz einspeisen, geht technisch nicht bei AKW's. Deswegen gibt es in Frankreich auch individuell wählbare Energiebezugskostenmodelle, um die Spitzen zu kappen.
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