Zu viel Theater um Foodtrends? «Der Teller wird zum Schmelztiegel von Emotionen»

Welchem Foodtrend soll ich folgen? «Gar keinem», sagt Uwe Knop. Worauf man beim Essen achten soll und weshalb ihm kulinarische Missionare auf den Wecker gehen, erklärt der Ernährungswissenschaftler im Interview.

Essen wie in der Steinzeit, der komplette Verzicht auf tierische Produkte oder die Verbannung von Kohlenhydraten. Essen nach bestimmten Regeln ist schwer angesagt. Ernährungswissenschaftler Uwe Knop hat seine eigene Meinung zu Foodtrends: Für ihn ist das alles Humbug.

Uwe Knop.

Bildlegende: Uwe Knop ist Ernährungswissenschaftler und Medizin-PR-Experte. Er hat mehrere Bücher zum Thema Ernährung verfasst. Ramon Haindl

SRF News: Uwe Knop, welchem Ernährungstrend rennen Sie gerade hinterher?

Uwe Knop: Ich renne dem Trend namens Hunger hinterher. Der eigene Körper sagt am besten, was man braucht. Alle anderen Trends wie Vegan, Paleo oder Low Carb sind Quatsch. Ich beschäftige mich seit mehr als zehn Jahren mit ernährungswissenschaftlichen Studien: objektiv betrachtet gibt es keinen Beweis dafür, welche Ernährungsform gesund oder ungesund sein soll. Jeder Trend, der für sich proklamiert, den heiligen Gral der gesunden Ernährung gefunden zu haben, ist frei erfunden.

«  Es gibt weder gesunde noch ungesunde Lebensmittel.  »

Dennoch macht es den Anschein, dass immer mehr Leute einem bestimmten Ernährungstrend folgen. Weshalb ist das so?

Man kann sich über Ernährung ganz gut profilieren und definieren. Man kann ohne viel Aufwand Gruppenzugehörigkeit generieren, indem man irgendetwas von seinem Speisezettel streicht. Ernährungstrends versprechen Schönheit, Gesundheit oder Schlankheit. Das ist sehr verlockend. Viele Ernährungsformen wirken glaubwürdig und deshalb fallen viele Leute leider auf Scharlatane herein. Das kann dann teilweise so krass sein, dass daraus eine Art Ersatzreligion wird. Und das ist sehr kritisch.

Weshalb ist das kritisch?

Weil man vielleicht irgendetwas in den Teller hineininterpretiert, was da weder drin ist noch hingehört. Es kann vorkommen, dass man dann an Orthorexie leidet: Betroffene wollen krankhaft nur noch Gesundes essen. Das ist aber nicht möglich – denn es gibt weder gesunde noch ungesunde Lebensmittel. Es kann passieren, dass jemand der Fiktion der gesunden Ernährung nachrennt und dadurch psychische Schäden erleidet.

Ein neuer Trend ist die Paleo-Diät oder auch Steinzeiternährung genannt.

Es ist natürlich absurd wissen zu wollen, wie sich die Steinzeitmenschen ernährt haben – und noch absurder, diese Fantasie dann einfach mal so in unser Hightech-Zeitalter zu übertragen. Die Gesundheitskraft, die da hineininterpretiert wird, ist frei erfunden. Klar spielt hier auch der Reiz des Mystischen mit. Und für Fleischesser ist es natürlich auch gut, weil die besonders bei einer Paleo-Diät viel Fleisch essen dürfen. Ich bezeichne solche Gruppen immer gerne als die kulinarische Diaspora: Hier weiss man, was gut und böse ist.

«  Wer sich dabei wohlfühlt, kann sich auch wie ein Marsmensch ernähren. »

Es gibt aber auch Ernährungswissenschaftler, die den Grundsatz der Paleo-Ernährung – eine gute Mischernährung aus Fleisch, Gemüse und Salat – gut finden. Ist das nicht okay?

Wer gerne so isst und nichts vermisst, kann das gerne probieren. Aber warum sollte man einfach so auf Brot, Pasta, Pommes oder Kuchen verzichten? Es handelt sich hier um einen bewussten Verzicht, der auf purer Fantasie beruht. Wer seine Erfüllung findet, soll das machen. Er kann sich auch wie ein Marsmensch ernähren, wenn er sich wohlfühlt. Jeder soll essen, was und wie er will. Aber bitte nicht missionieren.

Wieso müssen sich denn Veganer teilweise immer noch rechtfertigen?

Weil man ein Exot ist, und es bleiben wird. Die ganzen Super-Spezialesser machen ein Prozent der Bevölkerung aus. Im Endeffekt handelt es sich aber um eine Mangelernährung. Denn ohne Vitamin-B12-Pillen-schlucken geht es nicht. Man muss extrem aufpassen, weil sonst noch weitere wichtige Nährstoffe fehlen. Man kann sich vegan ernähren, muss aber sehr gut über die Nahrung Bescheid wissen, sonst wird es gefährlich. Wenn jemand sagt, ich will nicht, dass für mich ein Tier stirbt, deshalb bin ich Veganer, sage ich okay. Aber Gesundheit ist kein Argument, sondern Träumerei, reine Science Fiction.

Dann sind die ganzen Ernährungstrends ein «First World Problem»?

Per se ist es kein Problem. Wenn Sie sagen, ich esse jetzt keinen Fisch mehr, dann können Sie das machen. Kein Problem. Aber es ist nur deshalb kein Problem, weil wir alles zur Verfügung haben. Nur wenn man in einer Wohlstandsgesellschaft lebt, kann man sich mit Verzicht profilieren. Eine solche Identität kann man sich nur bei uns zulegen, weil wir alles haben. In der dritten Welt geht das nicht. Ich persönlich finde es sehr positiv, so eine grosse Auswahl zu haben. Wer aber durch frei gewählte kulinarische Extrem-Selbstlimitierung aus der Gesellschaft herausstechen will und dann noch megamässig missioniert, da kann ich nur den Kopf schütteln. Paradoxe Typen.

«  Mein Tipp: iss nur dann, wenn du Hunger hast, iss das, was dir gut schmeckt und gut tut! »

Geben Sie als Ernährungswissenschaftler denn überhaupt keine Tipps?

Ich gebe nur einen einzigen Tipp: iss nur dann, wenn du echten Hunger hast, iss das, was dir gut schmeckt und gut tut! Das ist der beste Ratschlag für alle, die körperlich und psychisch gesund sind. Nur Sie selbst können wissen, was gute Ernährung für Sie ist.

Also soll jemand, der den ganzen Tag bei McDonald's isst seine Ernährung nicht umstellen, wenn es ihm schmeckt?

Es kommt immer auf den Einzelfall an. Wenn Sie sich topp fühlen und immer bei McDonald's essen, warum sollen Sie sich dann über die Ernährung Gedanken machen? Grundsätzlich ist zu viel von allem aber meistens schlecht. Das gilt auch für die als gesund gehypten Lebensmittel.

Weshalb sind denn Diskussionen über Ernährung immer so emotional, Herr Knop?

Weil viele Menschen damit mehr verbinden, als genussvoll satt zu werden. Nämlich Gesundheit, Schönheit oder auch Weltrettung. Der Teller wird quasi zum Schmelztiegel von Emotionen und Ansichten. Man fragt, was hat das Essen für einen Zusatznutzen für meine Gesundheit gebracht oder was hat das der Welt gebracht? Meistens reden auch nur Leute aus einer kulinarischen Diaspora darüber. Alle anderen konzentrieren sich meist auf das Wesentliche: war lecker, ich bin richtig schön satt oder hat mir nicht geschmeckt.

Das Interview führte Philipp Schneider.

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