Impfung gegen Polio Die Kinderlähmung gehört bald ins Geschichtsbuch

Vor 60 Jahren begann in der Schweiz die Impfkampagne gegen die Kinderlähmung. Seitdem ist die Impfung auch global gesehen eine der grossen medizinischen Erfolgsgeschichten.

  • Seit 1988 nahmen die Poliofälle weltweit um über 99 Prozent ab.
  • Zu verdanken ist dies einem sehr praktischen und billigen Impfstoff. Doch dieser Lebendimpfstoff birgt das Restrisiko von Neuinfektionen.
  • Nur wenn weltweit noch einige Zeit weiter flächendeckend gegen Kinderlähmung geimpft wird, ist die Krankheit dauerhaft auszurotten.

Um die Pocken ist es bereits geschehen. Seit den 1970er-Jahren sind sie verschwunden – und keiner weint ihnen eine Träne nach. Auf eine ähnliche Erfolgsgeschichte hofft die Weltgesundheitsorganisation WHO für die Ausrottung der Kinderlähmung. Die Chancen stehen gut: Seit 1988 nahmen die Polio-Fälle um über 99 Prozent ab – von 350‘000 Erkrankten auf 74 in 2015.

Schwarzweissaufnahme eines Mannes mit Pocken in einem Spitalbett.

Bildlegende: In den 1940er-Jahren noch üblich, heute ausgemerzt: Pocken. Keystone

Die Kinderlähmung bis zum nächsten Jahr auszumerzen liegt deswegen im Bereich des Möglichen. Derzeit sind nur noch Fälle in Afghanistan und Pakistan bekannt, sowie zwei im letzten Jahr in Nigeria. Nord- und Südamerika sind bereits seit 1994 poliofrei, seit dem Jahr 2000 auch die Westpazifische Region, Europa hat es 2002 geschafft, Südostasien 2014. Damit leben 80 Prozent der Menschen heute in WHO-zertifiziert poliofreien Ländern.

Poliofreie Schweiz seit fast 30 Jahren

In der Schweiz liegt die letzte grosse Epidemie schon so lange zurück, dass sich kaum jemand mehr daran erinnert: 1954 mussten 1628 Menschen wegen Polio behandelt werden. Doch seit 1957, als endlich der Impfstoff eingeführt wurde, sanken die Infektionszahlen rapide ab.

Schwarzweissbild von Kindern bei der Impfung von 1955.

Bildlegende: Impfen am Fliessband: USA, 1955. Keystone

Bis 1982 erkrankten in der Schweiz maximal zwei Menschen pro Jahr. Der letzte Fall stammt aus dem Jahr 1989 durch einen veränderten Impfvirus. Seit 2002 gilt die Schweiz wie auch der Rest Europas als poliofrei.

Dennoch: Sich zurück zu lehnen und die Impfungen Impfungen sein zu lassen ist der falsche Reflex. Denn zur Gefahr werden können ironischerweise genau die Impfungen selbst, genauer gesagt die Schluckimpfungen. Sie kommen nach wie vor in vielen ärmeren Ländern zum Einsatz, denn sie haben den Vorteil, dass auch freiwillige Helfer ohne medizinischen Background sie verabreichen können und eine einmalige Dosis ausreicht, die zudem nur 14 US-Cent kostet.

Geimpfte schützen Ungeimpfte

Die Schluckimpfungen haben aber einen entscheidenden Nachteil: Die abgeschwächten, aber vermehrungsfähigen Polio-Viren im Impfserum führen zu einer kurzen symptomfreien Infektion der Schleimhäute des Magen-Darm-Trakts. Das führt zwar im Anschluss zu einer besonders guten Immunität, aber auch zu einer kurzzeitigen Ausscheidung der Impfviren mit dem Stuhl. Ungeimpfte können sich so durch Schmierinfektion anstecken.

Das ist nicht automatisch ein Fehler im System, sondern wird wohlwollend in Kauf genommen: Normalerweise wird der Körper mit dem abgewandelten, schwachen Poliovirus leicht fertig. So können viele auf einem harmloseren Weg infiziert und im Anschluss immunisiert werden, selbst wenn sie nicht geimpft wurden. Da die Viren nicht lange ausserhalb des menschlichen Körpers überleben, ist die Übertragungskette schnell zu Ende, wenn eine gute Anzahl an Menschen geimpft ist, dank derer die Weiterverbreitung dann stoppt.

Impfmüdigkeit kann zur Gefahr werden – auch jetzt noch

Je länger die Übertragungskette wegen einer grossen Zahl an Ungeimpften aber wird, desto höher wird die Gefahr für gefährliche Mutationen des Virus, Und plötzlich sind wieder schwere Polioinfektionen möglich. Für den teureren Impfstoff via Spritze, der hierzulande üblich ist, gilt das nicht: Er enthält keine lebenden Viren. Der Spritzenimpfstoff macht jedoch – anders als der orale – erst nach drei Impfungen immun und muss von medizinischen Fachpersonen verabreicht werden, ein Problem in Entwicklungsländern.

Hinzu kommt, dass es überall das – zwar sehr kleine – Risiko von Dauerausscheidern gibt. Das geschieht, wenn das Immunsystem eines geimpften Kindes des Virus nicht Herr wird. Zwar erkrankt es nicht, aber es scheidet den Virus jeden Tag aus. Zwischen 1962 und 2014 wurden jedoch nur 73 solcher Fälle bekannt.

Es gibt aber Nachweise veränderter Impfviren im Abwasser in Finnland, Estland oder Israel. Das ist in Ländern mit bester Durchimpfungsrate nicht weiter schlimm. Ist das aber nicht der Fall, reicht schon ein infiziertes Kind aus, um weltweit in den nächsten zehn Jahren wieder 200‘000 neue Poliofälle zu generieren, rechnet die WHO vor. Denn erst wenn die Polioviren keinen Wirt mehr finden, werden sie aussterben – Grund genug, auch längere Zeit nach dem letzten Polioausbruch nicht impfmüde zu werden.

Kinderlähmung

Polio wird durch Viren ausgelöst, die das Nervensystem befallen.
Innerhalb von Stunden kann es zu einer totalen Lähmung kommen. Die Ansteckung
erfolgt meist fäkal-oral, seltener durch kontaminiertes Wasser oder Essen oder
durch eine Tröpfcheninfektion. Erste Symptome sind Fieber, Schwäche, Erbrechen,
Kopfschmerzen, Nackensteifheit und Gelenkschmerzen. An Polio erkranken besonders
Kinder unter fünf Jahren. Oft verläuft die Infektion folgenlos nur mit
grippalen Symptomen. Bei 1 von 200 Infektionen kommt es zu unwiderruflichen
Lähmungen – und bei fünf bis zehn Prozent zum Tod wegen einer Lähmung der
Atemmuskulatur.

Gemeinsam gegen Kinderlähmung

Die Ausrottung von Polio ist das grösste internationale Gesundheitsprojekt aller Zeiten. 20 Millionen Freiwillige, die Regierungen, WHO, Rotary International, US Center for Disease Control and Prevention (CDC), UNICEF und die Bill and Melinda Gates-Stiftung unterstützen es. So konnten über die Jahre rund drei Milliarden Kinder geimpft werden.