Galaktischer Kannibalismus auf der Milchstrasse

Unser Universum enthält zehn Mal mehr Galaxien als angenommen. Zu diesem Schluss kommen Forscher nach der Analyse von Aufnahmen des Weltraumteleskops Hubble. Bei den Galaxien könnte es sich um «Snacks» handeln, die sich die Milchstrasse einverleibt hat, wie Astrophysiker Kevin Schawinski sagt.

Blau leuchtende Sterne vor weissem Nebel im dunklen All.

Bildlegende: Das Zentrum unserer Milchstrasse: Bilder des Weltraumteleskops Hubble. ZVG

Wegen der enormen Entfernungen ist der Blick in die Tiefen des Alls auch stets ein Blick zurück in die Vergangenheit – so benötigt das Licht von einer zwei Millionen Lichtjahre entfernten Galaxie zwei Millionen Jahre bis zu uns.

Bei der detaillierten Analyse der Daten vom Hubble-Teleskop und anderen Observatorien schauten Astronomen und Astrophysiker bis zu 13 Milliarden Jahre in die Vergangenheit des Weltalls. Das Universum enthält ihrer Erkenntnis zufolge zehnmal mehr Galaxien als angenommen. Sie berechneten, dass es ungefähr eine Billion sein dürften. Nur zehn Prozent davon sind mit den heutigen Instrumenten sichtbar. Das dürfte sich schon bald ändern, wie Astrophysiker Kevin Schawinski von der ETH Zürich im Interview sagt.


Willkommen im gefrässigen Weltall

4:19 min, aus Echo der Zeit vom 14.10.2016

SRF News: Wie hat man diese Galaxien entdeckt, wenn sie gar nicht zu sehen sind?

Kevin Schawinski: Indem man die Bilder vom Hubble-Weltraumteleskop im Detail analysierte und daraus ein dreidimensionales Modell des Universums erarbeitete. Über mathematische Modelle schätzte man dann die Zahl der Galaxien, die nicht sichtbar sind.

Die Analyse beruht auf Schätzungen. Kann sie sich auch täuschen?

Ich glaube, dass sie im Grossen und Ganzen richtig sein wird. Das Grossartige an der Wissenschaft ist, dass solche Aussagen nicht nur in den Raum gesetzt werden, sondern dass sie auch getestet werden können.

Stellt das Ihre bisherige Forschung in Frage?

Die Entdeckung ist nicht unerwartet. Es ist klar, dass in den Tiefen des Weltraums Populationen von Galaxien existieren, die wir noch nicht sehen können. Die Studie zeigt jetzt, wie viele davon da sein könnten.

Was ist die weitere Erkenntnis für die Kosmologie?

Die Milchstrasse ist eine Galaxie, die heute ungefähr 100 Milliarden Sterne hat. Sie war aber nicht immer so gross, sondern begann als Baby-Galaxie. Später bildete sie immer neue Sterne, dabei verleibte sie sich auch andere kleine Galaxien in einer Art galaktischem Kannibalismus ein. Diese «Snacks» sind womöglich diese winzigen Galaxien im frühen Universum. Wir haben jetzt einen ersten Ausblick darauf, dass es im entfernten Universum noch viel mehr Baby-Galaxien gegeben hat, die später durch galaktischen Kannibalismus Teil grösserer, anderer Galaxien ähnlich unserer Milchstrasse geworden sind.

Wie geht es in der Forschung weiter?

Wir warten gespannt auf den Start des James-Webb-Weltraumteleskops, des Nachfolgers vom Hubble-Teleskop. Es wird wahrscheinlich im Ende 2018 starten und 2019 hoffentlich erste Daten liefern. Dann werden wir diese Baby-Galaxien im frühen Universum wahrscheinlich direkt sehen können.

Was bringt die neue Erkenntnis den Laien?

Es ist ein nächster Schritt in der Erkenntnis der Natur unseres Universums. Sie zeigt uns einen weiteren Baustein in dessen Geschichte – von winzigen Quantenfluktuationen, die nach dem Urknall gewachsen sind, bis zu ausgewachsenen Galaxien voller Sterne, Planeten und auch Menschen.

Was ist das für ein Universum?

Es ist ein Universum, das nur zum kleinen Teil aus sichtbarer Materie wie Tische, Stühle, Menschen und Ozeane besteht. Ein Grossteil des Rests der Masse ist dunkle Materie. Wir hoffen, dass wir in den nächsten zehn Jahren besser verstehen, was das wirklich ist. Der Rest, über 70 Prozent, unseres Universums ist dunkle Energie. Der Name ist eigentlich nur ein Ausdruck unserer Ignoranz, denn wir haben keine Ahnung, was das wirklich ist.

«  Die Bezeichnung ‹dunkle Materie› ist nur ein Ausdruck unserer Ignoranz – denn wir haben keine Ahnung, was das wirklich ist.  »

Kevin Schawinski
Astrophysiker

Sind wir jetzt noch einsamer in unserem Universum oder erhöht sich mit der Analyse die Wahrscheinlichkeit, dass es irgendwo da draussen noch anderes Leben gibt?

Wir wissen jetzt, dass es mehr Galaxien gibt. Die Gesamtanzahl von Sternen, die möglicherweise Planeten oder gar Planeten mit Leben haben, hat sich wohl nicht gross verändert. Das heisst, das Universum ist immer noch voll mit Planeten, wo es möglicherweise Leben gibt. Die stöhnende Leere unseres Universums ist also ein kleines bisschen mysteriöser geworden.

Was denken Sie: Gibt es da draussen Leben?

Es gibt genug Gründe, anzunehmen, dass Leben irgendeiner Art häufig sein sollte. Die Frage aber ist, gibt es intelligentes Leben? Warum wir es nicht sehen, dazu gibt es viele Antworten.

Das Gespräch führte Samuel Wyss.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Das BICEP-Teleskop am Südpol

    Schnappschuss vom Urknall – Neues vom Kosmos

    Aus Wissenschaftsmagazin vom 22.3.2014

    Mit Hilfe des Teleskops BICEP am Südpol haben Forscher Erstaunliches entdeckt: Das Weltall ist in den ersten Sekundenbruchteilen seiner Existenz unvorstellbar schnell unglaublich gross geworden. Hintergründe zu einer Entdeckung, die die Gemeinde der Kosmologen begeistert.

    Hanna Wick

  • Video «Die Suche nach Leben im Weltall» abspielen

    Die Suche nach Leben im Weltall

    Aus Einstein vom 4.10.2007

    Vor 50 Jahren begann mit dem "Sputnik" die Eroberung des Weltraums. Heute blicken die Forscher so weit ins Weltall hinaus wie noch nie - und waren noch nie so nah dran, ausserirdisches Leben zu finden. So gelang es den Genfer Astronomen um Michel Mayor in diesem Jahr erstmals, einen extrasolaren Planeten nachzuweisen, auf dem es Leben geben könnte.