«Die menschliche Kreativität ist unerschöpflich»

Tom Felber gehört zu den grössten Spielekennern der Gegenwart. Er erklärt, warum die Digitalisierung traditionellen Gesellschaftsspielen zuträglich ist, was an Spielen sprichwörtlich «ur-menschlich» ist – und wie sie den Charakter eines Menschen freilegen können.

Ein Würfel, ein Puzzleteil und eine Spielfigur auf einem Schachbrett

Bildlegende: Unbelebte Materie – erst die menschliche Kreativität macht daraus einen Zeitvertreib. Und noch viel mehr. Colourbox

SRF: Tom Felber, verschenken Sie eigentlich ausschliesslich Spiele zu Weihnachten?

Tom Felber: Es ist wie mit allen Dingen im Leben, man muss die Geschenke den Bedürfnissen der Menschen anpassen und es ist ja nicht so, dass ich jeden zum Spielen bringen will.

Was sind denn das für Menschen, die gerne spielen?

Schwierig zu sagen, ich habe ja nur solche um mich. Was ich feststelle, es sind meist kreativere, weltoffenere Leute, die mehr Spass haben sich in andere Rollen zu versetzen und die das Leben nicht so ernst nehmen.

Sind denn Brett- und Kartenspiele überhaupt noch gefragt neben all den Computergames?

Tatsächlich gibt es auch mit der zunehmenden Digitalisierung ein Bedürfnis, wieder miteinander an einen Tisch zu sitzen, für ein soziales Erlebnis, um Spass zu haben. Videospiele und digitale Spiele haben die analogen sogar noch befördert. In den USA und Kanada ist der Boom zur Zeit enorm, ähnlich wie bei uns in den 1990-er Jahren. Und all diese Spiele befruchten sich auch gegenseitig.

«  Mit der zunehmenden Digitalisierung gibt es ein Bedürfnis, wieder miteinander an einen Tisch zu sitzen, für ein soziales Erlebnis, um Spass zu haben.  »

Tom Felber

Sie wollen das Spiel als «Kulturgut» fördern – wie ist das zu verstehen?

Ganz simpel: Spiele sind älter als die Schrift, Menschen spielen seit jeher. Spielen ist auch in der Entwicklungspsychologie enorm wichtig. Und wir sagen, diese kreativen Erzeugnisse des Menschen sollten den gleichen Stellenwert haben wie andere Kulturgüter, wie Bücher, Musik, Filme.

Und was sagt die aktuelle Spielelandschaft über unsere Kultur?

Ach, die ist so dermassen vielseitig. Da ist quasi jeder Bereich des Lebens abgedeckt. Pro Jahr erscheinen allein im deutschsprachigen Raum 1‘000 neue Spiele. Einen Trend gibt es nicht. Man kann bloss feststellen, dass es von allem immer mehr gibt und alles immer vielfältiger wird.

Entdecken Sie bei all diesen Neuerscheinungen überhaupt noch wirklich Neues, gibt’s nicht einfach schon alles?

Das ist ja das Erstaunliche, dass tatsächlich jedes Jahr wieder 2-3 Spiele darunter sind, bei denen man wirklich denkt: Wow, das hätte ich jetzt nicht gedacht, dass das noch möglich ist, dass jemand eine solche Idee hat. Es gibt einige Spielsysteme, die sind erst 10 Jahre jung. Die menschliche Kreativität ist unerschöpflich.

«  Spiele sind älter als die Schrift, Menschen spielen seit jeher [...] Diese kreativen Erzeugnisse des Menschen sollten den gleichen Stellenwert haben wie andere Kulturgüter.  »

Tom Felber

Durchs Spielen wird man zum Menschenkenner, heisst es. Was haben Sie denn über sich herausgefunden?

Spielen fördert ja ganz viele Fähigkeiten. Eigentlich ist man am Spieltisch ein Kleinunternehmer: man muss unter Stress und Zeitdruck Entscheidungen fällen mit grossen Auswirkungen, man muss sich in andere hineinfühlen können, man muss aus Fehlern lernen, man muss verlieren können. All das trainiert man intensiv, wenn man viel spielt und so lernt man sich automatisch gut kennen.

Da gab’s keine Überraschungen?

Bei mir selber nicht, aber bei Mitspielern ist es schon erstaunlich: man glaubt sie gut zu kennen und dann entdeckt man beim Spiel doch wieder ganz neue Seiten.

Tom Felber

Tom Felber

Spiel des Jahres e.V.

Tom Felber ist vermutlich der Spiele-Papst der Schweiz und eine zentrale Figur in der deutschsprachigen Spieleszene. Als Vorsitzender der Jury «Spiel des Jahres» e.V. will er Impulse für die Entwicklung neuer Spiele geben und die Verbreitung von Gesellschafts- und Brettspielen fördern. Seit über 15 Jahren rezensiert er Neuerscheinungen in der NZZ.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Gesellschaftsspiele besonders beliebt

    Aus Tagesschau vom 21.12.2014

    289 Franken geben die Schweizerinnen und Schweizer in diesem Jahr im Schnitt für Geschenke aus. Dies hat eine Studie von Ernst & Young ergeben. Dieser Betrag wird besonders häufig in Bücher und Lebensmittel investiert. Beliebt sind auch Spielwaren.