Hollywood lässt sich von China seiner Bösewichte berauben

Am Sonntag ist Los Angeles dank der Oscars der unumstrittene Mittelpunkt der Filmwelt. Das Geschäft aber verlagert sich zunehmend nach Osten: Der Grossteil der Ausseneinnahmen Hollywoods stammen aus China. Dafür verbannen die Studios chinesische Bösewichte aus ihren Kassenschlagern.

Filmset

Bildlegende: Dreharbeiten zu «Red Dawn»: Aus den chinesischen Angreifern wurden im letzten Moment Nordkoreaner. Reuters

Diesen Sonntag schaut die Welt nach Hollywood, wo die Oscars verliehen werden. Hollywood schaut immer stärker in die Welt hinaus: Mittlerweilen stammen fast drei Viertel der Einnahmen der kalifornischen Traumfabrik von ausserhalb Nordamerikas. Der wichtigste Markt ausserhalb der USA ist China. Das wirkt sich aus auf den Inhalt der Hollywood-Filme.

Chinesische Bösewichte durch Nordkoreaner ersetzt

So waren es im Film «Red Dawn», der 2012 in die Kinosäle kam, ursprünglich Chinesen, die eine Kleinstadt in den USA angriffen. Kurz vor dem Kinostart ersetzten die Filmemacher die Chinesen aber mittels technischer Retouchen durch Nordkoreaner. Sie wollten die Chance, den Film in China zeigen zu können, nicht verpassen.

Das Beispiel zeigt, wie wichtig das Reich der Mitte für Hollywood geworden ist. Der chinesische Kinomarkt ist der zweitgrösste der Welt und soll demnächst gar Nordamerika überholen. An diesem Geschäft will die US-Filmindusrie teilhaben. Und sie tut es bereits: China lässt jährlich 34 ausländische Kassenschlager zu, fast alle sind aus Hollywood.

Kommt China schlecht weg, wird der Film zensuriert

Doch die Filme müssen zuerst von der chinesischen Zensurbehörde bewilligt werden. «Filme mit politischen Botschaften, die der chinesischen Regierung missfallen, können natürlich nicht gezeigt werden», erklärt Stanley Rosen, Professor für chinesische Politik und Film an der University of Southern California in Los Angeles.

Ebensowenig hätten Filme mit religiösen Inhalten eine Chance, oder solche, die das Christentum oder die US-amerikanische Kultur anpreisen. Manchmal sei die Zensur auch unberechenbar, sagt Rosen. «Aber klar ist: Wenn China darin vorkommt, muss das in einem positiven Sinne sein.»

«Verkauft sich Hollywood?»

Die grossen Hollywoodstudios passen sich an: Sie produzieren zusätzliche Szenen für Filme, die sie auch in China zeigen wollen, streichen andere. Das Land der Mitte stellen sie schmeichelhaft dar. So retten im Film «2012» die Chinesen die Welt vor dem Untergang. «Das können nur die Chinesen», sagt der Amerikaner in der Schlusszene.

Hollywood sieht sich mit dem Vorwurf konfrontiert, sich aus reinem Profitstreben der Zensur Chinas zu beugen und Realitäten wie Menschenrechtsverletzungen auszublenden. Filmproduzenten entgegnen, sie passten auch in den USA ihre Filme den Fokusgruppen an.

«Ob sich Hollywood verkauft?», fragt Stanley Rosen rhetorisch. Hollywood mache einfach Geld, das sei immer so gewesen: «Hollywood ist niemandem verpflichtet ausser seinen Aktionären: Das einzige, was zählt, ist, was die Filme unter dem Strich einbringen.»

Chinesen als Investoren in Hollywood

Und die Verbindungen zu China werden immer zahlreicher. Der chinesische Filmproduzent Wanda Media hat jüngst das Filmstudio Legendary Pictures gekauft, das Filme wie «Godzilla» und «Jurassic World» produziert hat. Der Videospielhersteller Perfect World aus Peking hat 500 Millionen US-Dollar in Universal Pictures investiert. 21st Century Fox wiederum hat Geld in die chinesische Filmindustrie gesteckt.

Gehen Hollywood jetzt die Bösewichte aus?

Je wichtiger das Auslandgeschäft wird, desto weniger Auswahl hat Hollywood aber, wenn es um die Schurken geht. «Es gibt keine Länder mehr, die die Bösen stellen können», sagt Rosen.

Die Russen eignen sich weniger gut als früher. Sogar die Nordkoreaner sind seit kurzem Tabu, obwohl Nordkorea unwichtig ist für Hollywood. Aber nach dem Film «Interview», in dem der nordkoreanischen Diktator ermordet wird, gab es einen Hackerangriff aus Nordkorea.

Ausgehen werden Hollywood die Bösewicht dennoch nicht. «Nun sind es eher multinationale Firmen oder staatenlose Terrornetzwerke, die die Rolle der Gauner einnehmen», sagt Stanley Rosen.

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