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Panorama Marignano: Die (Gedenk-)Schlacht nach der Schlacht

1515 unterlagen die Eidgenossen bei Marignano einem übermächtigen Gegner. Die verheerende Niederlage band die helvetischen Expansionsgelüste zurück – und wurde zum Gründungsmythos der Schweizer Neutralität. Der Historiker André Holenstein erklärt, wie aus Niederlage Nationalepos wurde.

Die Schlacht bei Marignano von Ferdinand Hodler, zu sehen im Schweizer Landesmuseum
Legende: Schlacht mit Nachwirkung: Ferdinand Hodler widmete Marignano eines seiner bedeutendsten Werke. Keystone

Vor 500 Jahren unterlagen die alten Eidgenossen nördlich von Mailand einem Bündnis europäischer Grossmächte. Der Schlacht von Marignano fielen an die 10‘000 Innerschweizer, Zürcher, Luzerner und Basler zum Opfer. Die militärische Finesse der Franzosen obsiegte über die rohe Brutalität des helvetischen «Gewalthaufens».

Das dezimierte Heer der Eidgenossen trat den geordneten Rückzug an, die donnernden Geschütze des Feindes jagten es zurück über den Alpenkamm. Es sollte, bis auf wenige Ausnahmen, das Ende des helvetischen Expansionsdrangs sein. Und der Anfang einer neuerlichen «Schlacht»: derjenigen über die Deutungshoheit über die Schweizer Geschichte.

«Aus der Niederlage Heil!»

Heute steht im italienischen Zivido, nahe dem Schlachtfeld von 1515, ein Denkmal mit der lateinischen Inschrift «Ex clade salus», zu Deutsch: «Aus der Niederlage Heil». Der Titel ist (politisches) Programm: Finanziert von der Fondazione Pro Marignano, die rechtskonservativen Kreisen nahe steht, projiziert sie die «Weihen» unserer Tage auf die Ereignisse von damals: eine selbstgenügsame, neutrale und prosperierende Schweiz. Gediehen aus Jahrhunderten ohne Einmischung in europäische Händel.

Geschichte ist offen für Deutungen, und diese geschehen immer aus zeitpolitischen Zusammenhängen heraus.
Autor: André HolensteinHistoriker

«Grössenwahnsinniges Gemetzel»

In der «Vereinnahmung» des historischen Erbes durch rechtskonservative Kreise erkennen linke Kritiker Geschichtsklitterung. So etwa der Berner Autor Guy Krneta, dem ein ganz anderes Marignano vorschwebt: ein «grössenwahnsinniges Gemetzel», das nicht Neutralität, sondern jahrhundertelange aussenpolitische Anbindung zu Frankreich zur Folge hatte. Mit dem Slogan «Hurra, verloren!» kritisiert das linke Netzwerk «Kunst und Politik» diejenigen, die den grandios gescheiterten Feldzug zur Legitimation heutiger Abschottung missbrauchen.

Marignano aus der Sicht des Historikers

Ein Schlachtfeld von damals für Grabenkämpfe von heute? «Ganz normal» sei diese «Instrumentalisierung» der Geschichte, sagt der Berner Historiker André Holenstein: «Geschichte ist offen für Deutungen. Und diese geschehen immer auf zeitpolitischen Zusammenhängen heraus. Sie können Ausdruck ganz unterschiedlicher ideologischer und politischer Anliegen sein.» Zudem tendierten auch die Medien zu «plakativen und sensationslüsternen Deutungen».

Und was sagt die Geschichtsforschung zu den Ereignissen von damals? Holensteins Sicht der Dinge: «Bis ins 18. Jahrhundert überliefern die historischen Lexika Marignano lediglich als ‹Schlacht›.» Über die Geburtsstunde der Neutralität schweigen sich die Quellen aus. Die Schweizer Neutralität habe sich in einem jahrhundertelangen Prozess herausgebildet, viel entscheidender sei die Gefahr des 30-jährigen Krieges gewesen.

Schweizer Geschichte kann nur aus europäischer Geschichte heraus erzählt werden.
Autor: André HolensteinHistoriker

Neutralität aus Selbstschutz?

Holensteins These: Im europäischen Widerstreit von Katholizismus und Protestantismus wären auch die Schweizer «übereinander hergefallen», hätten sich einzelne Orte für oder gegen einzelne europäische Grossmächte ausgesprochen. Es blieb den Eidgenossen, wie Holenstein ausführt, nur die «Selbstneutralisierung» , um die europäischen Kriege einigermassen Heil zu überstehen.

Neutralität aus Pragmatismus und Selbstschutz? Auch dies eine «mythenkritische» Sicht der Dinge, zumal Legendenbildung nicht zum Handwerk des Historikers gehört. Holenstein plädiert denn auch für ein Gedenken, das den Blick über den heimischen Tellerrand wagt: «Schweizer Geschichte kann nur aus europäischer Geschichte heraus erzählt werden. Sonst landen wir immer in den Sackgassen einer nationalpatriotischen Geschichtsbetrachtung.»

Zur Person

André Holenstein ist Professor für ältere Schweizer Geschichte und vergleichende Regionalgeschichte an der Universität Bern. In seinem 2013 erschienenen Buch «Mitten in Europa» beschreibt er das Entstehen und Überdauern einer unabhängigen und eigenständigen Schweiz als «Ergebnis europäischer Konstellationen».

12 Kommentare

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  • Kommentar von O. Toneatti, Bern
    In beiden Heeren waren viele Schweizer. Die Einen nahmen vor dieser Schlacht das viele angebotene Geld und die Anderen dieser Mörderbande wollte unbedingt andere Menschen für viel Geld töten, vergewaltigen, plündern. Das ist nicht Allen gut bekommen, sie verloren dort. Aus dieser blutigen Schlacht sind dann jene Heldenmärchen entstanden, die bis heute existieren, aber nicht wahr sind. Aber mit viel Blut-Geld konnte man seinerzeit, ähnlich wie heute (Waffenexporte), viele Probleme lösen.
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  • Kommentar von Charly Güntert, Wildhaus
    Es ist für mich nicht ganz nachvollziehbar, dass der Name unseres Reformators Zwingli in der ganzen Angelegenheit nirgends erwähnt wird. Hat er sich doch als Feldprediger nach der Schlacht vehement gegen die Reisläuferei gewehrt. Ich verstehe nicht was die Schlacht mit der SVP zutun haben soll,ist dies doch ein Stück Schweizergeschichte für alle. Wir werden im Laufe des Sommers eine Kulturreise Nach Italien unternehmen und unter anderem auch das Schlachtfeld besuchen
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    1. Antwort von andreas furrer, furrer
      @ charly güntert: die reisläuferei ging ja auch munter weiter und war in den katholischen kantonen eine tragende einnahmequelle. verboten wurde sie erst 1859, gehört aber bis heute zur schweizer folklore (päpstliche schweizergarde).
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  • Kommentar von E. Burri, Luzern
    @Hanspeter Schwarb, Eiken: Sie verdrehen die Geschichte: Marignano lehrte die Schweiz (und die SVP), dass grössenwahnsinnige Expansionsgelüste generell zum Scheitern verurteilt sind. Wie uns die Geschichte beweist: Napoleon, Hitler, Stalin, Natomachtpolitik, EU, etc. Die Verlierer werden daher auch zukünftig die grössenwahnsinnigen "Expansions-Machtgelüster" sein, wie z.B. die vertragsbrüchige Nato-Osterweiterung und die EU-Diktatur.
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    1. Antwort von Hanspeter Schwarb, Eiken
      @ E. Burri. Was die Nato angeht , da gebe ich Ihnen recht. Aber EU Diktatur? Zunächst ist festzuhalten , dass seit es die EU gibt in Europa Frieden herrscht. Der längste seit 2000 Jahren. Dass wir Schweizer das nicht so hoch einschätzen, kann man nachvollziehen. Da wir im Gegensatz zu den Nachbarn nie einen grossen Krieg erlebten, fehlt uns diese Vorstellung gänzlich. Die EU ist aber auch der Versuch, ärmere Länder an den Wohlstand heranzuführen. Davon profitieren schlussendlich alle
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    2. Antwort von E. Burri, Luzern
      @H. Schwab. Der Ursprung der EU basierte weitgehendst auf Winston Chruchill. Seine Idee war und wäre HEUTE noch hervorragend, siehe Link --> http://europaunion.org/Churchill.html; Die heutige EU verkommt aber leider immer mehr zu einem Bürokraten-Moloch von Selbstdarstellern, welche immer mehr von Winston Churchills Idee abdriftet und ins Gegenteil läuft. Hinter vorgehaltener Hand sind sich sogar die EU-Diktatur-Hardliner bewusst, dass ohne Einbindung der Demokratie, die EU keine Zukunft hat.
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