«Da fällt mir nichts Negatives ein»

Bereits vor 16 Jahren ist Bertrand Piccard einmal um die Welt geflogen: in einem Ballon. Das erfolgreiche Abenteuer wurde hierzulande gross gefeiert. Einer, der die Feststimmung empfindlich trübte, war Linus Reichlin. Wie ist seine Reaktion auf das zweite Abenteuer von Piccard?

«In letzter Zeit kriege ich E-Mails der Verzweiflung», so begann die berühmte Glosse. «Hilfe! Gestern habe ich auf den Vollmond geschossen, weil ich ihn für einen Heissluftballon hielt!» Diese Zeilen schrieb der streitbare «Weltwoche»-Kolumnist Linus Reichlin in einer Satire über die Weltumrundung des «Orbiter 3» (siehe Textbox)

«Nur einmal in meinem Leben möchte ich eine Zeitung aufschlagen können, ohne Fotos von schlaffen, silbrigen Müllsäcken sehen zu müssen, die die Welt umrunden wollen!», schrieb Reichlin. Das Echo auf diese Verulkung war gewaltig. Der Autor wurde massiv beschimpft und sogar bedroht. Die öffentliche Aufregung gipfelte in einer Einladung zum «Zischtigsclub» des Schweizer Fernsehens

Linus Reichlin steht vor einer Hecke und lächelt in die Kamera.

Bildlegende: Linus Reichlin (1957) war lange «Weltwoche»-Kolumnist. Sein neuer Roman «In einem anderen Leben» erschien bei Galiani. Susanne Schleyer

Der mittlerweile erfolgreiche Krimiautor blickt im Gespräch mit SRF News auf die nervösen Frühlingstage vor 16 Jahren zurück.

SRF: Herr Reichlin, vor 16 Jahren haben Sie sich über die Non-Stop-Ballonfahrt in der «Weltwoche» lustig gemacht. Welche Reaktionen haben Sie damals erhalten?

Reichlin: Das war schon heftig. Ich wurde massiv angefeindet. Aber ich hatte Glück: Mit dem Tod wurde ich nicht bedroht.

Sie haben den Ballon ja auch als «schlaffen Müllsack» und «Brunzballon» beschrieben.

Ja, damit habe ich wohl ein nationales Projekt geschändet. Die ganze Ballongeschichte war einfach nur ein lächerliches Projekt, das war reines Spektakel.

Zwei Wochen nach Erscheinen Ihrer Glosse wurden Sie in den «Zischtigsclub» eingeladen. Neben Ihnen sass Christoph Keckeis, Berufsmilitärpilot und späterer Chef der Schweizer Armee. Auch da ist man hart mit Ihnen umgegangen.

Ja, aber nur in der ersten Sendehälfte. In der zweiten Hälfte wurde ich plötzlich müde und wäre fast eingeschlafen.

Wie haben Sie es dennoch geschafft, wach zu bleiben?

Ich dachte mir: «Ich kann doch nicht als erster Mensch in der Welt im «Zischtigsclub» einschlafen.

Kommen wir zum Solar Impulse 2. Sie leben in Deutschland. Wird dieses Projekt dort auch so fieberhaft verfolgt wie hier in der Schweiz?

Nein, hier berichtet niemand darüber.

Wie urteilt der einstige Ballon-Kritiker über «Solar Impulse 2»?

Da bin ich viel milder. Jetzt geht es ja um eine ganz neue Technik, die in der Zukunft sehr wichtig sein wird. Da fällt mir nichts Negatives ein.

Wirklich nicht?

Nein. Gut möglich, dass in dreissig, vierzig Jahren Flugreisen für Normalbürger aufgrund der Treibstoffknappheit unerschwinglich werden. Und selbst mir als Laie leuchtet ein, dass Solarenergie für Gefährte, die sich über der Wolkendecke bewegen, eine mögliche Alternative sein könnte.

Auch Piccards Ballon befand sich oberhalb der Wolkendecke.

Der Ballon war doch nur reines Abenteuer! Ich fand das nur kindisch. Mit «Solar Impulse 2» vollbringt Bertrand Piccard aber eine wahre Pionierleistung. Hier sehe ich einen echten technischen und wissenschaftlichen Nutzen.

1999 gab die Schweizer Post eine Sonderbriefmarke zum «Orbiter 3» heraus. Diesmal will sie zum «Solar Impulse 2» nichts machen. Warum nicht? Selbst Linus Reichlin zeigt sich überzeugt vom neuen Abenteuer!

Beim Solar Impulse 2 handelt es sich um ein nützliches Projekt. Und nützliche Projekte werden nie mit einer Sonderbriefmarke geehrt.

Verfolgen Sie eigentlich aktiv die Weltumrundung?

So sehr interessiert es mich dann ehrlich gesagt auch wieder nicht. Hauptsache, er landet gesund und wohlbehalten. Die Ballonfahrt musste ich damals leider zwangsläufig mitverfolgen, weil die Zeitungen über nichts anderes mehr berichteten.

(SRF 4 News, 30.03., 02:00 Uhr)

In 20 Tagen um die Welt

In 20 Tagen um die Welt

KEY

Im März 1999 hat erstmals ein Ballon die Welt umrundet. Bertrand Piccard und Brian Jones brauchten hierfür knapp 20 Tage. Die Non-Stop-Ballonfahrt gilt bis heute als die längste in der Luftfahrtgeschichte.