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Aargau Solothurn Die Geschichte der grössten Altlast der Schweiz

Das milliardenteure Debakel um die Sondermülldeponie Kölliken nimmt Mitte der 70er-Jahre seinen Lauf. Die Geschichte der grössten Altlast der Schweiz ist eine Abfolge von fachlichen Fehleinschätzungen und politischem Fehlverhalten. Ein multimedialer Blick zurück.

Legende: Audio Die Geschichte der Sondermülldeponie Kölliken (25.6.2015) abspielen. Laufzeit 9:10 Minuten.
9:10 min, aus Regi AG SO vom 25.06.2015.

Verschaffen Sie sich einen Überblick über die bald 40-jährige Geschichte der grössten Schweizer Altlast: Von den ersten vergrabenen Fässern bis zum letzten ausgegrabenen Giftmüll. Mit vielen Videos aus dem Archiv.

  • 1. Der Anfang: Ein Baugesuch

    Februar 1976

    Titelblatt des «Landanzeiger»
    Legende: Im offiziellen Publikationsorgan «Landanzeiger» aus dem Suhrental war das unverfängliche Baugesuch abgedruckt. SRF (Symbolbild)

    Im «Landanzeiger» wird das Baugesuch für eine «Kehrichtdeponie» in Kölliken ausgeschrieben. Die Deponie soll in der ehemaligen Tongrube der Tonwerke Keller AG, Frick, eingerichtet werden. Es gehen einzelne Einsprachen gegen das Projekt ein. Anwohner fürchten Lärm und Gestank. Der Gemeinderat weist die Einsprachen ab und bewilligt das Gesuch.

    Gemäss Baubewilligung ist in der Deponie die Ablagerung von «Bauschutt, Holz, Wurzeln (...) und Sonderabfälle» vorgesehen.

    SRF/Symbolbild

  • 2. Ein Kölliker Bürger erstreitet ein «Pflichtenheft»

    Juni 1976

    Türe im Regierungsgebäude (schwarz/weiss)
    Legende: Türe im Regierungsgebäude in Aarau. Keystone

    Gegen das bewilligte Baugesuch geht eine Beschwerde beim Aargauer Regierungsrat ein. Dieser verabschiedet darauf ein «Pflichtenheft», welches bei der Einlagerung der Abfälle eingehalten werden muss. Darin steht zum Beispiel, dass die Ablagerung von «toxischen» Stoffen verboten sei.

    Gleichzeitig aber erteilt die Aargauer Regierung eine Betriebsbewilligung und hält darin fest, dass man die Deponie auch für «Sondermüll» öffnen solle. Die genauen Abläufe bleiben bis heute schleierhaft.

    Keystone (Bearbeitung: SRF)

  • 3. Die ersten Giftmüll-Lastwagen kommen

    August 1977

    Deponie mit Wohnhäusern im Hintergrund
    Legende: Bauschutt auf der Deponie, aufgenommen im Jahr 1983. Keystone

    Noch bevor die Sondermülldeponie überhaupt geöffnet ist, lassen die Behörden (gemäss einem kurzen Bericht im Aargauer Tagblatt vom 21. Juli 1977) Sondermüll aus einer Deponie im Birrfeld (Lupfig) nach Kölliken transportieren. Dieser wird in die offene Tongrube gekippt. Im Dorf tauchen die ersten kritischen Fragen auf, welche von den Behörden aber gemäss Augenzeugen relativ salopp abgetan werden.

    Keystone (Aufnahme von 1983)

  • 4. Die Sondermülldeponie Kölliken wird offiziell eröffnet

    16. Mai 1978

    Die Zufahrt zur neu eröffneten Sondermülldeponie Kölliken im Jahr 1978.
    Legende: Die Zufahrt zur neu eröffneten Sondermülldeponie Kölliken im Jahr 1978. Keystone

    Inzwischen gibt es keinen Zweifel mehr: Aus der Kehrichtdeponie ist eine Sondermülldeponie geworden. Später gibt es dafür mehrere Erklärungen: Man habe sich «falsch verstanden», heisst es. Der damalige Gemeindeammann erklärt gegenüber einer Aktivistin offenbar, man habe das Wort «Müll» vermieden, weil dieses sowieso nicht verstanden werde.

    Tatsache ist: Die Deponie ist nun offiziell auf Sondermüll ausgelegt. Und trotzdem bleibt der Widerstand in Kölliken noch sehr gering. Man glaubt den Wissenschaftern und Behörden: Die Tongrube sei dicht und sicher. Die Deponie ein wichtiger Beitrag zum Umweltschutz.

    Keystone

  • 5. Protest der Anwohner

    27. März 1979

    Schon bald gibt es Kritik am Betrieb der Sondermülldeponie in Kölliken, wie die Sendung «Blickpunkt» berichtet. Die Anwohner klagen über Gestank und Staub. Viele leiden unter Kopfschmerzen. Die Sonderabfälle lagern zum Teil unter freiem Himmel. Später gelangen giftige Stoffe auch in den Dorfbach, es kommt zu einem Fischsterben.

    Die Kontrollen am Eingang der Sondermülldeponie sind dilettantisch. Ein Arbeiter kontrolliert Farbe und Geruch der Lieferungen, bei geschlossenen Fässern klopft er an die Oberfläche, um flüssige Substanzen auszuschliessen. Von Chemie hat er keine Ahnung. Die Behörden erklären, dass man den Zulieferern vertrauen müsse.

  • 6. Gemeinderat verfügt vorläufigen Deponiestopp

    22. April 1985

    Trotz verschiedener Sanierungsmassnahmen wie Abluftanlagen und Tanks für flüssige Abfälle: Der Widerstand in Kölliken wächst und wächst, die Probleme können nicht gelöst werden.

    1985 grassiert schliesslich die Angst, verseuchtes Abwasser könnte die Trinkwasserversorgung in Kölliken gefährden. Der Gemeinderat verfügt deshalb einen «provisorischen» Deponiestopp.

  • 7. Aufschrei in der Industrie: Wohin mit dem Sondermüll?

    7. Juni 1985

    Nach der Schliessung der Sondermülldeponie Kölliken stehen Industrie und Gewerbe in der Schweiz vor einem Problem: Sie wissen nicht mehr, wohin sie ihre Abfälle bringen sollen. «Das war ein Aufschrei», erinnert sich noch heute der ehemalige SMDK-Geschäftsführer Jean-Louis Tardent.

  • 8. Erste Untersuchungen in der Deponie

    3. Oktober 1985

    Die Sendung «DRS Aktuell» berichtet über Grabungen in der Sondermülldeponie. Proben des Giftmülls werden ausgegraben und untersucht. Gesucht wird nach falsch deklarierten Materialien. Bereits vorher hat der zuständige Baudirektor Ueli Siegrist angekündigt, dass es vielleicht auch Strafuntersuchungen gebe.

  • 9. Das Dorf bleibt wehrhaft

    22. Januar 1986

    In Kölliken beginnt ein erster Sanierungsversuch in der Sondermülldeponie. Auch die gefährliche Verflechtung von Betrieb und Aufsicht will man in den Griff kriegen.

    Der Zwist in der Gemeinde ist damit aber noch nicht erledigt: Noch immer pocht der Kanton darauf, die Deponie wieder eröffnen zu können. Die Gegner im Dorf wehren sich.

  • 10. Die Schuldfrage taucht auf

    22. September 1986

    Ein Anwalt ermittelt im Auftrag des Regierungsrats und sucht Schuldige. Die offiziellen Ermittlungsbehörden haben sich für befangen erklärt. Allerdings: Der Anwalt beschwert sich über Behinderungen bei den Ermittlungen.

    Tatsächlich verlaufen alle Ermittlungen im Sand: 1988 werden sämtliche Verfahren eingestellt. Bis heute musste sich juristisch niemand verantworten für die Fehler bei der Einlagerung des Sondermülls in Kölliken.

  • 11. Die Kosten explodieren

    13. August 1987

    Bereits in den 80er-Jahren wird über die Finanzierung der Sondermülldeponie in Kölliken diskutiert. Denn: Die Deponie kostet auch jetzt, wo sie geschlossen ist. Sanierungs- und Schutzmassnahmen führen zu einer regelrechten Kostenexplosion.

    Kein Wunder, dass der Baudirektor noch immer darauf pocht, dass man die Deponie bald wieder eröffnen und die Grube noch ganz auffüllen kann.

  • 12. Retten, was zu retten ist

    23. Januar 1995

    Die Deponie sei umweltverträglich, sagen die Behörden nun. Doch täglich wird vergiftetes Wasser abgepumpt, wird austretendes Gas verbrannt. 70 Millionen Franken hat man bereits investiert, nun braucht es weitere 40 Millionen. Die Sondermülldeponie Kölliken hat sich zu einem «Fass ohne Boden» entwickelt.

    Noch immer aber glauben Betreiber und Behörden, dass man die Deponie in Kölliken belassen kann. SMDK-Geschäftsführer Tardent spricht davon, dass man dazu aber noch Jahrzehnte in die Sanierung investieren müsse.

  • 13. Der Entscheid: Die Sondermülldeponie muss weg

    6. September 2001

    Die Aargauer Regierung hat entschieden: Die Sondermülldeponie Kölliken kann nicht mit vernünftigem Aufwand gesichert werden. Deshalb trifft man einen radikalen Entscheid: Alles Gift soll wieder ausgebaggert und dann fachgerecht entsorgt werden. Bis zu 500'000 Tonnen Sondermüll sollen wieder aus der Grube gehoben werden.

    Für die Sicherung der Deponie hat man bisher etwa 100 Millionen Franken ausgegeben. Eine Ausgrabung sei unmöglich, koste viel zu viel, sagten die Experten bisher. Jetzt heisst es: Die Ausgrabung sei wohl doch günstiger.

  • 14. Anwohner wollen Schadenersatz

    15. November 2001

    23 Anwohner der Sondermülldeponie Kölliken/AG (SMDK) reichen in Aarau eine gemeinsame Schadenersatzklage gegen den Kanton Aargau als Mitgesellschafter der SMDK ein. Sie fordern insgesamt rund 17 Millionen Franken.

    Die Deponie habe den Wert ihrer 31 Grundstücke halbiert, teilt die Klägergruppe heute mit. 10,5 Hektaren Land in unmittelbarer Nähe der zugedeckten Deponie sind von der Klage betroffen. Die Altlast im Boden schrecke Käufer und Investoren ab, und Banken verweigerten Kredite für Neubauten oder Käufe.

  • 15. Die grosse Halle an der Autobahn

    27. März 2006

    Mit einem aufwändigen Projekt wird die Sondermülldeponie Kölliken saniert. Jahrzehnte nach dem Umweltskandal trifft 10vor10 den Geschäftsführer der Deponie. Er wurde einst eingestellt, um die Deponie so schnell wie möglich wieder zu eröffnen. Heute leitet er die Sanierung.

  • 16. Spatenstich zum Rückbau

    5. November 2007

    Mit einem Spatenstich wird der Rückbau der Sondermülldeponie Kölliken offziell gestartet. Über 500'000 Tonnen Giftmüll und verseuchte Erde werden ausgebaggert und entsorgt. Damals geht man davon aus, dass die Arbeiten bis 2012 abgeschlossen sein werden.

  • 17. Ein Brand verzögert den Rückbau

    10. Juli 2008

    Der Rückbau der Sondermülldeponie Kölliken ist gefährlicher als gedacht. Ein Brand unter dem Hallendach sorgt für Schlagzeilen. Die Arbeiten werden ein halbes Jahr lang unterbroche. 2008 wird der Rückbau unter verschärften Sicherheitsvorkehrungen wieder aufgenommen.

    Das revidierte Rückbaukonzept der Deponie, die als grösste Altlast der Schweiz gilt, wird auch Folgen auf den Zeitplan haben. Kurz: Der Rückbau dauert länger als geplant - und kostet damit natürlich auch mehr als geplant.

  • 18. Der Rückbau geht weiter

    16. Januar 2009

    Im Frühjahr 2009 berichtet «Schweiz aktuell» über den Rückbau in den grossen Hallen von Kölliken.

  • 19. Erste Rückbauetappe beendet

    20. August 2009

  • 20. Und wieder braucht es Geduld

    18. Oktober 2010

    Diese Meldung wird zur Gewohnheit: Die Räumungsarbeiten in der Sondermülldeponie Kölliken dauern länger als ursprünglich angenommen. Erst in eineinhalb Jahren sei es soweit, heisst es nun. Heute weiss man: Es ging dann noch länger.

  • 21. Verzögerungen und Mehrkosten

    11. März 2011

    Die Entsorgung der Sondermülldeponie verzögert sich nicht nur zeitlich, sie kostet auch ständig mehr.

  • 22. Der tiefste Punkt ist erreicht

    21. Juli 2014

    Seit nunmehr sieben Jahren wird in Kölliken ausgebaggert, was zwischen 1978 und 1985 in sieben Jahren eingelagert wurde. Die Sendung «10vor10» berichtet über den Zwischenstand.

  • 23. Endspurt in der Sondermülldeponie

    5. Januar 2015

    Noch in diesem Jahr soll der Rückbau der Sondermülldeponie in Kölliken beendet sein: Das vermeldet «Schweiz aktuell» im Januar 2015. Und tatsächlich: Am 25. Juni informieren die Betreiber und das Konsortium aus Kanton Aargau, Zürich, Stadt Zürich und Basler Chemie darüber, dass man mit der Sanierung demnächst fertig sei.

Quellennachweis:

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2 Kommentare

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  • Kommentar von Alex Schneider, 5024 Küttigen
    Sondermülldeponie Kölliken: Die Verantwortlichen wurden für ihre Verantwortung hoch bezahlt, aber nicht zur Rechenschaft gezogen! Wo bleibt die umfassende Aufklärung, wieso es seinerzeit zur unsäglichen Entscheidung kam, in Kölliken Sondermüll zu vergraben? Was sagten die seinerzeit Verantwortlichen zu ihren Entscheidungen? Warum wurden die Verantwortlichen nicht zur Rechenschaft gezogen?
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  • Kommentar von Hagou Hans, Bienne
    ...DIESE SONDERMÜLLGESCHICHTE WIRD SICH WIEDERHOLEN MIT DEM RADIOAKTIVEN ABFALL!!! sollte dies noch möglich sein....
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