Investitionsstau in Schweizer Spitälern: Aarau in der Zwickmühle

Ob Aarau, Baden, Solothurn oder Olten: Die Kantonsspitäler an diesen Standorten verschlingen Milliardensummen. Zu lange wurde nicht investiert. Jetzt kommt alles auf einmal. Dieses Phänomen ist in der ganzen Schweiz zu beobachten. Die Hintergründe sind vielschichtig.

Das neue Bürgerspital Solothurn kostet 350 Millionen Franken, der Baubeginn steht kurz bevor. Schon neu gebaut ist das Kantonsspital Olten. Kostenpunkt: 250 Millionen.

Ebenfalls eine Grossinvestition ist in Baden geplant. Dort soll bis 2021 ein neues Kantonsspital stehen. Das alte würde nach dem Umzug abgerissen. Die ersten Teilprojekte laufen schon. Geplant sind Ausgaben von deutlich über 500 Millionen Franken.

Schwierige Logistik in Aarau als Herausforderung

Robert Rhiner

Bildlegende: KSA-Direktor Robert Rhiner kennt als ehem. Leiter der Abteilung Gesundheitsversorgung die Aargauer Spitäler sehr gut. SRF

Die grösste Spitalbaustelle der Region liegt aber Aarau. Das Kantonsspital Aarau soll in verschiedenen Etappen saniert werden. Bis 2023 soll alles fertig sein. Ein neues Neurozentrum ist bereits im Bau. Insgesamt wird das Renovationsprojekt gegen 800 Millionen Franken kosten.

In Aarau ist der Sanierungsbedarf gross. «Nur etwa ein Drittel der Gebäude ist in einem wirklich guten Zustand», sagt Spitaldirektor Robert Rhiner.

«  Den Sanierungsbedarf haben wir nicht selber erfunden. Wir müssen das machen. »

Robert Rhiner
Direktor Kantonsspital Aarau

Robert Rhiner ist erst seit Dezember Direktor 2014 des Kantonsspital Aarau. Es wäre also falsch, ihn für den schlechten Zustand der Anlage verantwortlich zu machen. Es wäre wohl zu einfach, die Schuld nur den Vorgängern in die Schuhe zu schieben. Tatsache ist, dass in der ganzen Schweiz ein riesiger Nachholbedarf bei Spitalsanierungen besteht.

Politik hat Spitäler vernachlässigt

Andreas Christen hat als Mitglied der volkswirtschaftlichen Forschungsabteilung der Credit Suisse eine Studie erstellt. Sie hat den Titel «Gesundheitswesen Schweiz 2013 – der Spitalmarkt im Wandel».

Der Ökonom listet darin konkrete Neubau- und Sanierungsprojekte für 9 Milliarden Franken auf – allein für die Deutschschweiz. «Und das ist nur die Spitze des Eisbergs», sagt Christen. «Am Schluss werden wohl gegen 20 Milliarden in die Erneuerung der Spitalinfrastruktur gesteckt werden müssen.»

Als Gründe für den grossen Investitionsstau kann er nur Vermutungen äussern. Viele Spitalbauten seien in den 70er-Jahren erstellt worden. Sie hätten schon vor etlichen Jahren saniert werden müssen. Genau das sei aber die Zeit gewesen, als es in vielen Kantonen finanziell eng geworden sein. Plötzlich standen Sparrunden an. Investitionen in die Spitäler hatten nicht mehr oberste Priorität.

Andreas Christen

Bildlegende: Andreas Christen hat für die Credit Suisse den Spitalmarkt in der Shweiz untersucht. Seine Zahlen lassen aufhorchen. SRF

Und gleichzeitig begann ein radikaler Umbau des Gesundheitswesens. Gesetzlich wurde die Finanzierung der Spitäler neu geregelt. Die Umstellung auf das System der Fallpauschalen brachte es mit sich, dass die Spitäler ihre Investitionen selber bezahlen müssen.

Rechtlich wurden sie vielerorts in eigenständige Aktiengesellschaften umgewandelt, die Liegenschaften wurden diesen AGs übertragen. Besitzer der grossen Spitäler mit einem umfassenden Leistungsauftrag in der Grundversorgung blieben aber die Kantone.

Die Spitäler mussten lernen unternehmerisch zu handeln. Andere Spitäler musste man neu als Konkurrenten betrachten. Mit dem neuen Gesetzt können die Patienten das Spital nämlich frei wählen. Gleichzeitig standen die Spitäler vor grossen Investitionen. Und parallel dazu musste man mit den Fallpauschalen zuerst Erfahrungen sammeln.

Kantonsspital Aarau im Teufelskreis

Diese Erfahrungen zeigen, dass es nicht einfach ist, über die Fallpauschalen genügend Mittel für Investitionen zu erwirtschaften. Ein Spital, das ineffizient arbeitet, verdient schlicht und einfach zu wenig Geld, um die Infrastruktur zu erneuern.

Genau in dieser Situation befindet sich das Kantonsspital Aarau KSA: Die Anlage besteht aus 30 einzelnen Gebäuden, die sich um das Hauptgebäue gruppieren. Die Wege auf dem Campus sind lang. Das kantonale Gesundheitsdepartement hat festgestellt, dass das Pflegepersonal zehn Prozent der Arbeitszeit vergeudet, um von einem Gebäude ins andere zu kommen.

Die Probleme des KSA

  • Geld versickert in ineffizienten Abläufen.
  • Der Ertrag ist zu niedrig, 2013 verdiente das KSA nur 1 Million Franken
  • Für 2014 erwartet Direktor Robert Rhiner einen Verlust von 18 Millionen Franken
  • Um die Investitionen fianzieren zu können, sollte das KSA pro Jahr aber 50 Millionen Franken Gewinn machen

Als Sofortmassnahme verschob das KSA den Neubau des Labor-Gebäudes, eine Investition von 60 Millionen Franken. Doch ohne Investitionen kann das KSA nicht effizienter werden. Und ohne mehr Effizienz wird es die Kosten nicht in den Griff bekommen. Für den Spitaldirektor sozusagen die Quadratur des Kreises.

Grosse Spitäler sind systemrelevant

Die heikle Situation hat die Politik aufgeschreckt. Besorgte Grossräte fragen sich, ob das KSA bald einmal zahlungsunfähig sein wird. Diese Befürchtung sei falsch, kontert die KSA-Leitung. Man mache über 500 Millionen Franken Umsatz. Da sei ein Verlust von 18 Millionen Franken zu verkraften.

Damit mag Spitaldirektor Robert Rhiner wohl recht ahben. Das strukturelle Problem bleibt. Was tut ein Unternehmer in einer solchen Situation? Er beschliesst eine Umstrukturierung, schliesst unrentable Abteilungen, kürzt die Löhne oder entlässt Personal.

Allerdings: Das funktioniert bei einem Spital in der Grössenordnung eines Kantonsspitals Aarau nicht. Es kann die Patienten nicht auf die Strasse stellen, weil es einen gesetzlichen Versorgungsauftrag hat. Und die Löhne lassen sich nicht drücken. Denn der Mangel am Ärzten und Pflegepersonal ist gross. Wer Löhne kürzt, verliert sofort das Personal.

Spitaldirektor Robert Rhiner muss also darauf hoffen, dass die Politik eingreift, wenn sein Haus zu stark in die roten Zahlen rutschen sollte. Spital-Experte Andreas Christen hat für seine Studie nämlich herausgefunden, dass grosse Spitäler «too big to fail» sind, ganz analog zu den Grossbanken.

«  Wenn die Versorgungssicherheit gefährdet ist, kann ich mir nicht vorstellen, dass hier nicht eingegriffen würde. »

Andreas Christen
Ökonom Credit Suisse