Wildsau-Streit: Immer mehr Abschüsse, immer mehr Schäden

Aargauer Jäger und Bauern streiten sich immer wieder, das Klima scheint rauher: Die Wildschweine richten Schäden an in der Landwirtschaft, die Jäger sollten es mit Abschüssen richten. Bauernverband und Jagdverein sprechen von Einzelfällen, insgesamt sei das Klima immer noch konstruktiv.

Rainer Klöti und Ralf Bucher an einem Bürotisch.

Bildlegende: Oberjäger Rainer Klöti (links) diskutiert in seiner Arztpraxis in Brugg mit Ralf Bucher vom Bauernverband. SRF

Die Jagdgesellschaft Berg im unteren Fricktal hat die Diskussionen rund um die Schwarzwild-Jagd wieder neu entfacht: Die Gesellschaft gab letzte Woche ihre Arbeit auf, ihre Reviere ab. Sie könne die Forderungen der Bauern nicht erfüllen und die finanziellen Folgen der Wildsau-Schäden nicht tragen.

Das revidierte Aargauer Jagdgesetz sieht nämlich vor, dass sich unter gewissen Bedingungen auch die Jäger an den Schäden in der Landwirtschaft beteiligen. Quasi als Strafe dafür, dass sie den Wildsau-Bestand in ihrem Revier nicht im Griff haben.

Eine Wildschwein-Mutter mit ihren vier Jungen.

Bildlegende: 1600 Wildschweine wurden 2012 im Aargau erlegt: Die Jäger müssen dabei weibliche Leittiere verschonen. Keystone

1600 Wildschweine wurden 2012 erlegt

Jährlich verursachen Wildschweine in der Aargauer Kulturlandschaft Schäden in der Höhe zwischen einer halben und einer ganzen Million Franken. Die Schäden seien aber nicht gleichmässig verteilt, erklärt Ralf Bucher vom Aargauer Bauernverband: «Es gibt Hotspots, so dass einzelne Bauern Schäden in der Höhe von 20'000 bis 30'000 Franken zu tragen haben. In diesen Regionen haben die Jäger zum Teil nicht ausreichend gejagt.»

Solche Hotspots fänden sich zum Beispiel im Fricktal (an der Grenze zum Kanton Baselland) oder im Studenland (an der Grenze zum Kanton Zürich).

Auf der anderen Seite steht Rainer Klöti, Präsident des Aargauischen Jagdvereins. Er präsentiert die jüngsten, noch unveröffentlichten Zahlen aus der Jagdstatistik: «Im Jahr 2012 wurden im Aargau über 1600 Wildschweine erlegt. Das ist eine riesige Arbeit, vor allem wenn man daran denkt, dass die meisten Jäger tagsüber einer Arbeit nachgehen müssen und auch Familie haben.»

Bauern können kaum etwas tun gegen Wildschweine

Einig sind sich Bucher und Klöti darin, dass die Jagd auf Wildschweine kein einfaches Unterfangen ist. «Man braucht sehr viel Zeit», erklärt Jäger Rainer Klöti. «Wir haben hier auch keine Ausrüstung wie zum Beispiel die staatlichen Jäger im Kanton Genf: Die rücken mit Nachtsichtgeräten auf die Schwarzwild-Pirsch aus.»

Ralf Bucher anerkennt die Bemühungen der Jäger. Trotzdem glaubt er, dass einzelne Jagdgesellschaften noch zulegen müssen. Die Bauern selber könnten nämlich nicht viel gegen die Wildschweine unternehmen. «Mit Zäunen verlagert man das Problem nur zu den Nachbarn. Und abgesehen davon rentiert der Aufwand nicht, dafür sind die einzelnen Schäden dann oft wieder zu gering.» Man könne nicht für 1500 Franken einen Zaun errichten, um einen lokalen Schaden von 200 Franken zu verhindern, erklärt der Geschäftsführer des Bauernverbandes.

Die Stimmung ist gar nicht so schlecht

Rainer Klöti auf der anderen Seite glaubt, dass das Problem etwas übertrieben dargestellt werde. «Jährliche Schäden von einer Million sind im Verhältnis zur landwirtschaftlichen Produktion eine geringe Zahl. Man muss die Relationen wahren.»

Im weiteren geht Klöti davon aus, dass die Wildschwein-Population auch wieder abnehmen wird. «Es gab immer Wellen, schon 1870 organisierte der Kanton eine grosse Jagd gegen Schwarzwild, weil es viele Schäden gab. Später verschwand das Problem wieder.»

Insgesamt sei die Stimmung zwischen Bauern und Jäger aber nicht so schlecht, wie es im Moment vielleicht anmute, sagen Bucher und Klöti übereinstimmend. «Es gibt schwierige Jäger und schwierige Bauern, aber wir müssen das Problem gemeinsam lösen», so Klöti.

Wildschwein-Wurst in den Hofläden?

Im Moment können sich die Wildschweine noch frei in Aargauer Wäldern und Wiesen bewegen. Die Schonfrist läuft erst im Juni aus. Ralf Bucher erwartet keine Wunder vom Start der Jagdsaison. Auch Jäger Klöti sagt: «Es braucht Geduld.»

Die Wildschwein-Problematik hat auch ihre gute Seite: Es fällt viel frisches Wildschwein-Fleisch an. In diesem Bereich wollen sich Bauern und Jäger nun vermehrt helfen. Ralf Bucher erklärt: «Wir möchten die Jäger dabei unterstützen, ihr Wildbrät wieder loszuwerden. Wir sind mit verschiedenen Bauern in Kontakt, die auch Wildschwein in ihren Hofläden anbieten möchten.»