Drei Klassen in einem Raum - Basler Sekundarschule geht neue Wege

Das neue Schulhaus Sandgruben wird auch zur neuen Schule: einer Erfahrungsschule. Das Projekt ist bis 2023 befristet und soll Schülerinnen und Schülern zu mehr Selbständigkeit ermuntern und Niveau-Sprünge begünstigen.

Visualisierung

Bildlegende: Neues Schulhaus Sandgrube wird zu einer Erfahrungsschule (Visualisierung). zVg

Neues Schulhaus, frischer Wind. Das scheint die Devise anlässlich des Neubaus der Sekundarschule Sandgruben in Basel-Stadt. Anstatt altersgetrennte Klassen zu führen, sollen im neuen Sandgrubenschulhaus künftig drei Jahrgänge der Sekundarschule in einem Klassenzimmer die Schulbank drücken. Altersgetrennte Klassen, wie sie meist geführt werden, sind laut Pierre Felder, dem Leiter Volksschulen in Basel-Stadt, zwar Usus, jedoch nicht so im Gesetz festgeschrieben. Für das Projekt Erfahrungsschule habe man dennoch eine Sondergenehmigung beantragt und diese auch bekommen.

Durchlässigere Niveaus

Diese Klassen mit verschiedenen Jahrgängen und Leistungsniveaus sind laut dem Schulleiter der neuen Sekundarschule Sandgruben, Götz Arlt, näher an der Berufswelt als das verbreitete System. «Wer in der ersten Klasse ist und etwas bereits so gut kann, wie ein Zweitklässler, muss nicht ein Jahr lang warten, sondern macht die Aufgaben der Grösseren», erklärt er den Schulalltag. Durch diese Durchmischung soll es Schülerinnen und Schülern einfacher möglich sein, eine Klasse zu überspringen oder in ein besseres Niveau zu wechseln.

Lernateliers sollen Selbständigkeit fördern

Zu den Klassen mit verschiedenen Schuljahrgängen hinzukommen sogenannte Lernateliers. Das sind grosse Räume, in welchen die Schülerinnen und Schüler mehr oder weniger selbstständig ihren Schulstoff büffeln oder sich in Gruppenarbeiten vertiefen. Felder sagt: «Im Lernatelier herrscht Flüsterton. Die Schülerinnen und Schüler, die sich mit einer Gruppenarbeit beschäftigen, tauschen sich aus. Andere arbeiten für sich alleine, manche auch mit Kopfhörern, damit sie die andern nicht hören.» Solche Lernateliers seien keine Sparmassnahme, betont Felder, auch wenn die Lernenden nicht immer die Aufmerksamkeit der Lehrerin oder des Lehrers hätten. «Selbständigkeit wird gefördert und die Schülerinnen und Schüler lernen so nicht nur den Schulstoff, sondern machen das Lernen an sich zu ihrem eigenen Ding.»

Felder gibt unumwunden zu, dass es wohl auch Jugendliche gebe, die mit dieser Selbständigkeit überfordert sein werden. «Da muss die Lehrperson dann halt mehr investieren und klarere Aufgaben geben», sagt er.

Auf sich alleine gestellt sind die Jugendlichen aber auch bei selbständiger Arbeit nicht, sagt Arlt. «Die Lehrpersonen erarbeiten mit ihnen Wochenpläne. Wer aber für welches Fach wie viel Zeit einsetzt, bestimmen die Jugendlichen weitgehend selbst.» Er nennt das Beispiel eines Schülers, der zu Hause Französisch spricht. Dieser werde die Zeit im Lernatelier wohl kaum dafür nutzen, das zu Lernen, was er schon kann. «Die Französischaufgaben wird er in einem Bruchteil der Zeit machen, die andere dafür benötigen», sagt Arlt. «Dafür wird er sich vielleicht mehr Zeit für Mathematik nehmen.»

Mit all diesen Neuerungen soll die Schule nicht neu erfunden werden. Felder jedenfalls betont, dass die Leistung in allen Sekundarschulen gleich sein wird. Nur die Art und Weise, wie die Jugendlichen den Stoff erarbeiten, der wird im Sandgrubenschulhaus etwas anders sein als in Basel bis anhin üblich.

Keine höheren Kosten als andere Sekundarklassen

Die neue Erfahrungsschule im Sandgrubenschulhaus wird ist ein Pilotprojekt. Dieses ist bis auf Ende des Schuljahres 2022/23 befristet und soll in eben dieser Projektphase durch Fachleute begleitet und evaluiert werden. «Wir lassen das Projekt nicht einfach abstürzen, sondern beobachten und verbessern es, falls nötig», verspricht Felder.

Um die 100'000 Franken sollen in den ersten beiden Jahren dieser Einführungsphase an Mehrkosten anfallen. Im normalen Schulbetrieb, koste die Erfahrungsschule nicht mehr als andere Sekundarschulen im Kanton, sagt Felder. Und dies, obwohl der Platzbedarf an der Erfahrungsschule tendenziell höher ist.

Scheitern eingeplant

Das Projekt Erfahrungsschule ist bis auf Ende des Schuljahres 2022/23 befristet. Ein allfälliges Scheitern des Projekts sei in die Pläne des Neubaus eingeflossen, sagt Felder. «Wir können Wände nachträglich einbauen, sollten wir wider Erwarten kleinere Räume benötigen». Und dies wäre eben dann der Fall, wenn die Erfahrungsschule ein Flop werden würde und der Unterricht wie bis anhin nicht in Lernateliers sondern in normalen Klassenzimmern geführt werden sollte.

(Regionaljournal Basel, 17:30 Uhr)