Affäre Thorberg: Nicht nur der Direktor handelte falsch

Der letzte Thorberg-Direktor habe sich privat so verhalten, dass er sein Amt nicht weiter habe ausüben können. Zu diesem Schluss kommt ein externer Gutachter. Er kritisiert das Verfahren bei der Anstellung von Georges Caccivio und die organisatorischen Zustände auf dem Thorberg selber.

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Vorwürfe gegen früheren Gefängnisdirektor

5:21 min, aus Schweiz aktuell vom 26.6.2014

Begünstigung von Häftlingen, Kontakte ins Bieler Drogen-Sex-Milieu und das Frisieren belastender Akten waren die Vorwürfe, die im Februar 2014 gegen Thorberg-Direktor Georges Caccivio erhoben wurden. Diese bewahrheiteten sich nach und nach, so dass der bernische Polizeidirektor den Direktor der Strafanstalt zuerst freistellte, kurz darauf dann entliess.

«Weder geeignet noch tragbar»

Nun hat der Experte Benjamin Brägger das Anstellungsverfahren und die Amtsführung des ehemaligen Thorberg-Direktors Georges Caccivio geprüft.

Brägger kommt zum Schluss: Der Thorberg-Direktor habe auch als Chef der Strafanstalt weiterhin auf dem Bieler Drogenstrich verkehrt und sich damit «äusserst unprofessionell» verhalten. Polizeidirektor Hans-Jürg Käser habe deshalb Anfang Jahr den Gefängnis-Direktor zu Recht suspendiert. Caccivio sei als Direktor einer Strafanstalt weder geeignet noch tragbar. «Mit seinen Besuchen auf dem Bieler Drogenstrich hat Georges Caccivio das Ansehen bei den Insassen und bei seinen Angestellten auf dem Thorberg verspielt», sagt der zugezogene Experte Benjamin Brägger gegenüber dem «Regionaljournal Bern Freiburg Wallis» von Radio SRF.

Aber auch das Verfahren bei der Anstellung von Caccivio sei mangelhaft gewesen. Insbesondere kritisiert Brägger, dass keine Aussensicht eingeflossen und kein unabhängiges Assessment durchgeführt worden sei. Dazu habe das zuständige Amt für Freiheitsentzug und Betreuung seine Führungs- und Kontrollaufgabe bei weitem nicht erfüllt. Deshalb sei die dringende Reform der Strukturen in der Strafvollzugsanstalt stecken geblieben. Der Amtsvorsteher habe dafür Verantwortung zu tragen.

Schlüsse ziehen

Der Experte Benjamin Brägger schlägt vor, dass Thorberg-Direktoren künftig vom Polizeidirektor direkt gewählt werden und nicht vom Amt. Dazu sei ein konsequenter Umbau der Führungsorganisation auf dem Thorberg unabdingbar.

Der Berner Regierungsrat Hans-Jürg Käser sagte am Donnerstag vor den Medien, er wolle nun die Empfehlungen des externen Experten «umfassend prüfen». Die Strafanstalt Thorberg müsse nun reorganisiert werden; auch das Anstellungsverfahren des neuen Direktors werde von externen Experten begleitet.

Amtsvorsteher Martin Kraemer geht freiwillig

Nicht nur auf die neue Leitung der Strafvollzugsanstalt wartet viel Arbeit, sondern auch auf die neue Führung des Amtes für Freiheitsentzug und Betreuung. Der bisherige Amtsvorsteher, Martin Kraemer, wird gegen Ende 2014 aus gesundheitlichen Gründen, wie es offiziell heisst, in die vorzeitige Pensionierung gehen. Auch Kraemer kommt im Bericht des externen Experten schlecht weg. Kraemer habe die Mitarbeiter an einer zu langen Leine geführt, sein Führungsstil sei auf Konsens ausgerichtet gewesen.

Ein Mann mit Brille.

Bildlegende: Benjamin Brägger sieht in der Strafanstalt Thorberg massiven Handlungsbedarf. Keystone

Besondere Fehler hat Kraemer laut Bericht bei der Amtsenthebung von Georges Caccivio als Direktor der Strafanstalt Thorberg gemacht. So wurden Caccivio die Schlüssel, der Laptop und der Personalausweis nicht abgenommen. Dies hatte zur Folge, dass sich der abgesetzte Direktor zwei Tage lang frei in der Strafanstalt Thorberg bewegen konnte. Damit nicht genug: Caccivio unterschrieb in dieser Zeit auch noch Papiere.

Schliesslich, so der Bericht, habe Kraemer auch nicht erkannt, wie dringend und notwendig es gewesen wäre, die interimistische Führung der Anstalten Thorberg zu regeln. Käser musste laut Untersuchungsbericht direkt intervenieren, damit sich in dieser Sache etwas tat.

Polizeidirektor Hans-Jürg Käser erklärte bei der Medienkonferenz, dass Martin Kraemer die kritisierten Punkte anders interpretiere.

Das sagt Georges Caccivio

Ein Mann mit Brille.

Gegenüber Radio SRF erklärte Georges Caccivio am Donnerstagabend, dass er erleichtert sei über die Erkenntnisse der Untersuchung. Ihm könnten keine strafbaren Handlungen und Verstösse gegen das Personalrecht angelastet werden. Caccivio will sich wegen eines möglichen personalrechtlichen Verfahrens nicht weiter zur Untersuchung äussern.