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Andrea Staudacher «Die erste Heuschrecke schluckte ich mit viel Bier»

Andrea Staudacher ist Designerin und hat sich auf das Thema Ernährung der Zukunft spezialisiert. Am 14. Juni 2018 hat sie für ihre Arbeit den Kommunikationspreis der Berner PR-Gesellschaft erhalten. Als Sonntagsgast im «Regionaljournal Bern Freiburg Wallis» erzählt sie, wie sie zum Insektenessen kam und wie sie ihren Ekel überwand.

Andrea Staudacher

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Porträt
Legende:SRF

Die Berner Designerin ist 29-jährig, Mutter einer zweijährigen Tochter, die auch bereits Insekten isst. Staudachers Bachelorarbeit an der Hochschule der Künste Bern wurde das erste Insektenkochbuch der Schweiz. Im Rahmen ihrer Masterarbeit an der Zürcher Hochschule der Künste schlachtete sie ein Schwein, dessen 60 Einzelteile in Silikonblöcke verpackt in Museen ging.

Mit ihrer Firma Future Food Lab thematisiert sie Nahrungsmittel der Zukunft; unter anderem organisiert sie Insektenkochkurse.

In einer SRF-Webserie bereitete sie 2016 mit Promis Insektenmenus zu und servierte zum Beispiel die «Grillenwurst» an einem Schwingfest, oder den «Schreckendöner» am Gurtenfestival.

SRF News: Was für ein Verhältnis hatten Sie in Ihrer Kindheit zu Insekten?

Andrea Staudacher: Ein schwieriges. Ich ekelte mich sehr vor ihnen. Wir hatten grosse weisse Spinnen im Keller, die fand ich schrecklich, aber auch Fliegen und alle anderen Insekten.

Wir spielten aber oft draussen im Wald. Und wir reisten viel mit der Familie in fremde Kulturen. Beim Essen legten unsere Eltern uns nahe, dass man etwas Fremdes probiert und sieht, ob es einem schmeckt.

Sie kamen durch Ihre Abschlussarbeit an der Hochschule der Künste Bern zum Thema Insektenessen?

Ich fand Insekten visuell spannend, zeichnete sie gerne. Dann sah ich ein Foto mit aufgespiessten Heuschrecken, dazu die Information, dass Insektenessen eine Lösung für den Welthunger sein könnte.

Mich fasziniert der Moment, wo Ästhetik zu Ekel kippt.

Das ekelte mich sehr. Was mich wiederum faszinierte, dieser Moment, wo Ästhetik zu Ekel kippt. So beschloss ich, meine Abschlussarbeit zu diesem Thema zu machen. Sie wurde das erste Insektenkochbuch der Schweiz.

Wie war es für Sie, das erste Mal lebende Insekten zu töten, zuzubereiten und zu essen?

Wahnsinnig schwierig. Lebende Heuschrecken springen in der Schachtel an die Decke, das gibt ein seltsames Geräusch. Und dann muss man die Beine und Flügel entfernen, den Kopf mit dem Darm herausziehen – das war sehr schwierig für mich.

Zum ersten Biss nahm ich einen grossen Schluck Bier. Und mit noch mehr Bier ging es immer einfacher. Die ersten etwa sechs Male, als ich Insekten ass, musste ich mich überwinden. Das ist heute kein Thema mehr, im Gegenteil.

Haben Sie Tipps, wie man den Ekel gegenüber dem Insektenessen überwinden kann?

Gruppendynamik hilft. Allein im Kämmerlein ist es sicher schwierig. Es gibt öffentliche Anlässe, bei denen man es probieren kann. Oder man kann Fertigprodukte zum Beispiel im Coop kaufen – wenn die Form abstrakt ist, ist es einfacher. Wobei ich frische Insekten bevorzuge. Schliesslich sind es Tiere, die wir essen. Und ich finde die Entwicklung bedenklich, wenn man nicht mehr sieht, was man isst.

Sie haben auch einmal ein Schwein geschlachtet, im Rahmen Ihres Masterstudiums an der Zürcher Hochschule der Künste.

Hart war daran der Moment, als ich dem Bauern dreihundert Franken gab – drei Fetzen Papier – er mir im Gegenzug ein Lebewesen. Und ich konnte dann Gott spielen und darüber entscheiden, ob das Tier lebt oder nicht. Das war brutal für mich, aber es ist genau die Handlung, die wir vollziehen, wenn wir im Laden Fleisch kaufen: Man gibt Geld gegen Leben.

Fleisch kaufen heisst, Geld gegen Leben tauschen.

Das Ziel dieser Arbeit war es, die Leute zum Nachdenken zu bringen, was Fleisch wirklich bedeutet. Ich esse Fleisch, aber nicht mehr so viel wie früher. Und ich will wissen, dass es dem Tier gut ging – obwohl das ein vager Begriff ist. Man muss ein Leben immer gewaltsam nehmen, kein Tier will sterben für uns.

Sie nennen sich Erlebnisdesignerin – wovon leben Sie?

Der Begriff lässt mir viele Freiheiten. Konkret habe ich eine Firma, Future Food Lab. Mit ihr versuche ich, den Leuten Erlebnisse rund um die Zukunft unserer Nahrung zu ermöglichen, zum Beispiel mit Caterings oder Kochkursen. Zudem kann ich Performances in Museen oder Ausstellungen machen und Vorträge halten.

Da gibt es genug Nachfrage?

Ja, das Thema ist derzeit sehr gefragt. Essen ist wie eine Ersatzreligion. Die Kirchen sind leer und die Restaurants voll. Essen betrifft uns alle, alle können mitreden. Und es geht um verschiedene Aspekte, von der Wirtschaft über die Ökologie bis zum Sozialen – es ist ein spannendes Thema.

Das Gespräch führte Elisa Häni.

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