In den Alpen leben immer weniger Gämsen

Der Berner Jagdinspektor spricht von einem «dramatischen Einbruch». Weshalb es immer weniger Gämsen gibt, ist umstritten.

Eine Gämse im Wald.

Bildlegende: Werden immer weniger gesichtet und geschossen: Gämsen. Keystone

  • 1993 schossen Jäger im Kanton Bern 3500 Gämsen. 2013 waren es nicht mal mehr halb so viele.
  • Auch im Wallis werden immer weniger Gämsen geschossen.
  • Viele geben dem Wolf und dem Luchs die Schuld am Rückgang.
  • Aber auch die Jäger geben sich selbstkritisch.
«  Dieser Einbruch ist dramatisch »

Peter Juesy
Jagdinspektor des Kantons Bern

Die neuesten Zahlen der diesjährigen Jagd zeigen: Im Kanton Bern und im Wallis wurden in einzelnen Gebieten massiv weniger Gämse geschossen als noch vor einem Jahr. Der Berner Jagdinspektor Peter Juesy spricht von einem dramatischen Einbruch: «In einzelnen Gebieten wie im Kandertal haben wir in den letzten Jahren noch bis zu 60 Gämsen geschossen. Jetzt sind es gerade noch 5 bis 6.» 1993 sind im Kanton Bern laut Juesy noch 3500 Gämsen geschossen worden, 2013 waren es noch 1600. «Die Zahlen zeigen, wie massiv der Gämsbestand bei uns abgenommen hat», so Juesy.

«  Wir haben in guten Jahren masslos viele Gämsen geschossen »

Herbert Volken
Jäger und Präfekt des Bezirks Goms

Einen Rückgang stellt man auch im Wallis fest. Jagdinspektor Peter Scheibler: «Bei uns ist die Situation von Region zu Region verschieden. Im Unterwallis haben wir eher konstante Bestände. Aber im Goms ist der Bestand der Gämsen in den letzten Jahren sehr stark zurückgegangen.» Reinhard Schnidrig, der eidgenössische Jagdinspektor, stellt das gleiche Phänomen in der ganzen Schweiz fest: «Ich habe ähnliche Meldungen aus praktisch allen Kantonen.» Auch im benachbarten Ausland, in Bayern und in Österreich, stelle man das Gleiche fest: «Die Situation ist nicht dramatisch. Trotzdem müssen wird die Ursachen studieren und Massnahmen ergreifen.»

Über die Ursachen wird derzeit viel spekuliert. Die Jäger selber sehen sich zum Teil auch als Verursacher. Herbert Volken, Präfekt des Bezirks Goms und selber passionierter Jäger sagt: «Wir haben in den guten Jahren masslos viele Gämsen geschossen. Die sind jetzt halt nicht mehr da.» Aber auch Raubtiere wie Luchs und Wolf kommen für ihn als Verursacher in Betracht: «Ich habe mir sagen lassen, dass ein Luchs pro Jahr bis zu 60 Gämsen fressen kann und ein Wolf noch viel mehr. Bei 10 Luchsen und ein paar Wölfen kann das schon sehr viel ausmachen.»

Der eidgenössische Jagdinspektor Reinhard Schnidrig sieht aber vor allem andere Gründe: «In unseren Jagdgebieten hat in den letzten Jahren der Tourismus und die Nutzung der Gämsgebiete zum Skifahren, Biken und Wandern stark zugenommen. Auch die harten Winter können eine Rolle spielen. Ebenso das Verhalten der Jäger. Wir wollen die Ursachen jetzt genauer studieren und dann mögliche Massnahmen beschliessen.»

Als mögliche Massnahme sehen die Jäger zum Beispiel eine intensivere Regelung beim Luchs und beim Wolf. Das heisst: Die Jagd auf Luchs und Wolf eröffnen. Das will Reinhard Schnidrig auch nicht ganz ausschliessen: «In einzelnen Gebieten muss man sicher darüber reden», so Schnidrig. Im Vordergrund stehen für ihn aber andere Massnahmen. «Vielleicht müssen wir in einzelnen Gebieten die Gäms-Jagd stärker einschränken oder neue Banngebiete erstellen.» Zuerst gelte es aber, die Ursachen für den Rückgang besser zu kennen.