Partnerschaft Thun-Gabrovo: Startups statt alte Feuerwehrautos

Als Osteuropa in den 1990er-Jahren in die Freiheit entlassen wurde, entstanden viele Städtepartnerschaften, um zu helfen. Auch Thun verbündete sich mit der bulgarischen Stadt Gabrovo. Seit 1996 hat sich aber viel verändert. Gabrovo braucht heute Wissenstransfer statt alte Fahrzeuge oder Grossküchen.

Als der Eiserne Vorhang fiel, fehlte es in Osteuropa oft an Allem. Viele Gemeinden in der Schweiz wollten helfen und sich solidarisieren und gingen zahlreiche Städtepartnerschaften ein. Thun und Gabrovo, eine etwa gleich grosse Industriestadt im Herzen von Bulgarien, pflegen diese Beziehung seit 1996.

Neben reichem Sozial- und Kulturaustausch fand auch ein reger Warenverkehr statt. Alte Ambulanzfahrzeuge oder Lieferwagen vom Tiefbauamt, Spitalausrüstung oder Grossküchen wurden wagenladungsweise nach Gabrovo geschickt und sind heute noch im Einsatz.

Die Zeiten haben sich geändert, die Bedürfnisse auch...

«Das war der Geist der 1990er-Jahre. Aber heute braucht Gabrovo nicht mehr alte Feuerwehrfahrzeuge. Sondern Firmen-Startups und Wissenstransfer», sagt Jasmina Stalder.

Thuner Feuerwehrleute instruieren ihre Kollegen in Gabrovo am Fahrzeug und am Atemschutz.

Bildlegende: Thuner Feuerwehrleute instruierten ihre Kollegen in Gabrovo am Fahrzeug und am Atemschutz. zvg

Die gebürtige Bulgarin, seit langer Zeit in Thun, koordiniert die Städtepartnerschaft Thun-Gabrovo seit Jahren und pendelt fleissig zwischen den beiden Welten hin und her. Ihr steht ein unerschütterlicher Förderverein zur Seite. Und sie weiss: «Es war von Anfang an mehr als nur ein freundlicher Delegationsaustausch von zwei Behörden».

Allerdings ist Bulgarien inzwischen ein EU-Land, das von umfangreicher Hilfe vor allem für die Infrastruktur profitieren konnte.

So braucht es zwei alte Thuner Feuerwehrfahrzeuge nicht mehr. Die EU kaufte der Stadt zehn neue Fahrzeuge.

Anreiz für Unternehmertum vor Ort

Allerdings ist die Unterstützung aus Thun nach wie vor willkommen. Wenn auch auf einer anderen Basis. «Gabrovo hat ein Riesenproblem, dass gut ausgebildete junge Leute abwandern, ins Ausland oder mindestens in die Hauptstadt Sophia», weiss Jasmina Stalder.

Und so hat Thun ein Wirtschaftsprojekt lanciert, bei dem sich einheimische Firmen in Gabrovo für eine Startup-Hilfe bewerben können. «30 Firmen haben mitgemacht. Wir wollen so Kreativität und Unternehmertum fördern», sagt die engagierte Städtepartnerschafts-Koordinatorin. Wirtschaftsunternehmen aus dem Berner Oberland und der Region Thun stehen dem Projekt zur Seite.

Dass diese Initiative nicht nur wirtschaftliche Perspektiven und Arbeitsplätze in Gabrovo fördert, sondern die Städtepartnerschaft Thun-Gabrovo neu belebt hat, macht Jasmina Stalder auch etwas stolz.