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Ostschweiz «Meine Seele heilt nicht mehr»

20 Jahre war Jeannette Marfourt «administrativ versorgt». Der Film «Das Deckelbad» erzählt die wahre Geschichte einer Frau aus dem St. Galler Rheintal, die – wie Jeannette Marfourt – auf Weisung der Behörden in die Psychiatrie eingewiesen wird.

Legende: Video «Auf Weisung der Behörden eingewiesen» abspielen. Laufzeit 5:55 Minuten.
Vom 17.04.2015.

«Es war die Hölle auf Erden», sagt Jeannette Marfourt , wenn sie auf ihre Kindheit zurückschaut. Bis zur Volljährigkeit wurde sie von den Behörden in 13 verschiedenen Heimen und fünf Pflegefamilien untergebracht. Da sie geschlagen wurde, riss das Mädchen immer wieder aus. Mit 14 und 15 Jahren wurde sie durch Vergewaltigungen schwanger, in einem Fall war es der Heimleiter. Was aus den beiden Kindern geworden ist, die sie geboren hat, weiss sie bis heute nicht.

Mit Medikamenten Ruhig gestellt

«Ich konnte sie nicht einmal in den Arm nehmen, sie haben sie mir einfach weggenommen.» Nach einem weiteren Fluchtversuch wurde Jeannette in Zürich von der Polizei aufgegriffen und in die Psychiatrische Klinik «Burghölzli» überwiesen. «Sie haben mich ans Bett gefesselt, eine Zwangsjacke angezogen und mit Medikamenten vollgepumpt», erzählt sie gegenüber SRF.

Wie Jeannette Marfourt erging es auch Katharina Walser, der Hauptprotagonistin im Film «Das Deckelbad», der am 23. April in die Schweizer Kinos kommt. Die lebensfrohe, junge Frau entspricht nicht den Moralvorstellungen, wie sie in den 1930er Jahren im St. Galler Rheintal geherrscht haben. Katharina Walser heiratet Tres, welcher für sie Frau und Kinder verlässt. Aber die Beziehung leidet, als der gemeinsame Sohn bei einem Unfall stirbt.

Basis ist eine wahre Geschichte

Tres wildert und muss ins Gefängnis, die Behörden nehmen Katharina Walser die Kinder weg. Die verzweifelte Frau wird in die Psychiatrie gesteckt. Gebrochen kommt sie nach 15 Jahren raus. Das Unglück nimmt seinen Lauf. Der Film basiert auf einer wahren Geschichte, die sich in den 1930er Jahren im St. Gallischen Werdenberg ereignet hat.

Regisseur Kuno Bont hat lange für die Geschichte recherchiert. «Als bekannt geworden ist, dass ich den Film mache, hat man mir gedroht, ich sei ein Nestbeschmutzer.» Für die Angehörigen von Katharina Walser sei die Geschichte noch lange nicht abgeschlossen. «Die warten noch heute darauf, dass sich die Gemeinde bei ihnen entschuldigt», betont Bont gegenüber «Schweiz aktuell».

Der Film «Das Deckelbad» läuft ab dem 23. April in den Schweizer Kinos.

SRF3, 20. April 2015, 14:03 Uhr

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Administrativ versorgt

Von 1935 bis 1981 wurden in der Schweiz tausende junge Menschen für unbestimmte Zeit ins Gefängnis, in Arbeitserziehungsheime oder in die Psychiatrie gesteckt. Grund: Sie entsprachen nicht den damaligen Moralvorstellungen.

15 bis 20 Tausend sogenannt «administrativ Versorgte» leben heute noch.

2 Kommentare

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  • Kommentar von Rolf Michel, 1723 Marly
    Diese unsäglichen Übergriffe einer verlogenen, klerikal geprägten Gesellschaft können nur durch solche professionel recherchierten Dokumente pubblik gemacht werden. Die Protagonisten gehören angeprangert, benannt genauso wie sie die Leben der betroffenen Personen auf perfiedeste Art zerstört haben (....jeder Mensch ist einzigartig und hat nur ein Leben) - ich gehe davon aus, dass die heute nicht mal mehr Gewissensbisse haben, verachtenswert.
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  • Kommentar von S. Zgraggen, Zürich
    Ich hoffe, dass der Film nicht wieder zur erneuten Stigmatisierung der Psychiatrie und seelischer Erkrankungen beiträgt! Das Thema, wie wir in unserer Leistungsgesellschaft mit "Andersartigkeit" umgehen, bleibt aber sicher aktuell! Ein so genanntes Miteinder, das nur bedeutet möglichst nicht gestört und irritiert zu werden, ist letztlich unmenschlich und total fantasielos und langweilig. Mein Dank an alle, die füreinander da sind! bis
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