Zweifel am Geothermie-Projekt

Das Erdbeben der Stärke 3,6 vom Samstag wirft das Geothermie-Projekt der Stadt St. Gallen zurück. Dem vom Bodensee bis ins Appenzellerland spürbaren Erdstoss wegen Arbeiten im Bohrloch folgten bis Sonntagnachmittag 17 schwache Nachbeben.

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Umstrittene Geothermie

2:08 min, aus Tagesschau vom 21.7.2013

Diese Mikrobeben seien in Stärke und Häufigkeit abnehmend, teilte die Stadt St. Gallen mit. Die Aufmerksamkeit auf dem Bohrplatz gelte ganz der Kontrolle des 4450 Meter tiefen Bohrlochs und der Planung der nächsten Massnahmen.

Weitere Erschütterungen nicht auszuschliessen

So sei das Bohrgestänge wieder eingebaut worden, heisst es im Communiqué. Dadurch konnten der Druck reguliert, die Interventionsmöglichkeiten verbessert und das im Bohrloch vorhandene Gas kontrolliert abgefackelt werden. Die Druckverhältnisse in vier Kilometern Tiefe seien noch immer leicht labil. Weitere Mikrobeben und allenfalls spürbare Erschütterungen seien daher nicht auszuschliessen, schreibt die Stadt.

Für die Bevölkerung wurde eine Telefon-Hotline (0800 747 903) eingerichtet.

Gemischte Gefühle in St. Gallen

In der Abstimmung 2010 hatten 80 Prozent der städtischen Stimmbürger das Geothermieprojekt angenommen. In die überwiegende Akzeptanz mischt sich heute auch Verunsicherung. Es gibt auch vermehrt ablehnende Stimmen, wie eine Umfrage der Sendung «Regionaljournal Ostschweiz» zeigt.

Lokale Politikerinnen mahnen zur Besonnenheit. Es gelte nun die Auswertung der Daten abzuwarten, lautet der Tenor mehrheitlich.

Er habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass das Geothermieprojekt, vielleicht abgewandelt, doch noch realisiert werden könne, sagt etwa der St. Galler Baudirektor Willy Haag.

Für die Präsidentin der Schweizerischen Vereinigung für Geothermie, Kathy Riklin, bedeutet das Erdbeben einen Rückschlag
für die Geothermie in der Schweiz. «Ich erwarte nun genaue Abklärungen, warum es zum Erdbeben gekommen ist», sagte die Zürcher CVP-Nationalrätin der Nachrichtenagentur sda.

Beim Bundesamt für Energie (BFE) wollte man nicht von einem Scheitern der Geothermie in der Schweiz sprechen. Es gelte, die Analyse des Vorfalls abzuwarten. «Erst dann können wir Aussagen über mögliche Auswirkungen machen», sagte BFE-Sprecherin Marianne Zünd.

Der Bund will die Energiewende unter anderem mit der Geothermie schaffen: 5 bis 10 Prozent des Strombedarfs sollen künftig damit gedeckt werden. Neben dem grössten Projekt in St. Gallen ist eine weitere Grossanlage in Lavey-les-Bains VD in fortgeschrittenem
Stadium.