«Die Wunde verheilt, die Narbe wird bleiben»

Immer häufiger kommen Flüchtlingskinder in die Schweiz, die von Kriegstraumata geprägt sind. In Zürich wird auf die heilsame Wirkung der Schulen gesetzt. Bohrende Fragen sind nicht am Platz, sagt Schulpsychologin Catherine Paterson im Wochengastgespräch mit Hans-Peter Künzi.

Vom Krieg traumatisierte Kinder brauchen sobald wie möglich eine stabile und sichere Umgebung. In Zürich wird deshalb darauf geachtet, dass sie möglichst schnell in die Schule gehen können.

Auch Kinder aus Staaten wie Syrien erhalten keine Sonderbehandlung. Eine psychologische Untersuchung findet nicht statt: «Wir glauben, dass allein die Volksschule eine heilsame Wirkung hat auf traumatisierte Kinder», sagt Psychologin Catherine Paterson vom schulpsychologischen Dienst der Stadt Zürich. Erst wenn die Kinder in der Schule auffallen würden – durch Ängste oder Traurigkeit – würden die Schulpsychologen gerufen.

Traumata nicht heilen, sondern integrieren

In behutsamen Gesprächen mit Eltern und Kind versuchen dann die Psychologen herauszufinden, wie es der Familie geht. «Wir bohren nicht zu sehr, wir wollen niemanden re-traumatisieren.» Eine Therapie wird erst veranlasst, wenn schwerwiegende Symptome auftreten: bei Schlafstörungen oder Denkblockaden zum Beispiel. In den Therapien wird gezeichnet, musiziert oder gespielt. Erst wenn das Kind Vertrauen gefasst hat, wird über das Erlebte gesprochen.

Dabei gehe man aber nicht davon aus, dass ein Trauma «geheilt» werden könne: «Das Ziel ist es, das Trauma in das Leben eines Menschen zu integrieren. Es gibt eine Wunde, die verheilt, aber die Narbe wird bleiben.» Wie erfolgreich die Psychologen mit ihrer Arbeit sind, kann Paterson nicht abschliessend beantworten. «Wir hoffen, dass die Kinder stabilisiert sind, ein Trauma kann aber erneut ausgelöst werden, wenn im Leben wieder etwas Schlimmes passiert.»

Augen auf bei radikalisierten Jugendlichen

Nach den Terroranschlägen in Paris stellt sich auch die Frage, ob sich auch in der Schweiz Terroristen mit den Flüchtenden einschleusen könnten und ob es unter ihnen auch Jugendliche geben könnte, die in der Schweiz in die Schule gehen.

Dass sich unter den Flüchtenden auch radikalisierte Jugendliche befinden könnten, sei auch in den Zürcher Schulen ein Thema, sagt Psychologin Catherine Paterson. In den letzten Monaten habe sie aber keine solchen Fälle erlebt. «Die Lehrer sind hellhörig und achten darauf, was Jugendliche sagen oder in ihren Aufsätzen schreiben.» Bei auffälligen Jugendlichen könnte die Fachstelle für Gewaltprävention beigezogen werden, oder auch die Polizei. Einen Verdachtsfall habe sie aber nur einmal erlebt, und dieser habe sich nicht erhärten lassen.