Mundart im Kindergarten: Auch der Aargau muss entscheiden

Im Kindergarten soll grundsätzlich auf Mundart unterrichtet werden: Dies verlangt eine Volksinitiative, über die das Aargauer Stimmvolk am 18. Mai entscheidet. In der Politik findet das Anliegen kaum Rückhalt, trotzdem fürchten die Initiativgegner den Volksentscheid.

Ein Kindergärtner holt sich aus seiner Tasche ein Pausenbrot, daneben hängen die typischen Warndreiecke des TCS.

Bildlegende: Welche Sprache soll dieser Kindergärtner im Aargau hören oder lernen? Die Entscheidung liegt beim Stimmvolk. Keystone

Es ist der wohl letzte politische Erfolg der Schweizer Demokraten im Kanton Aargau: Im Mai 2012 wurde die Volksinitiative «Ja für Mundart im Kindergarten» mit 3673 gültigen Unterschriften eingereicht. Bei den Wahlen im Oktober 2012 verlor die Kleinpartei dann ihre letzten beiden Sitze im Kantonsparlament.

Nun wird über die Forderung der Schweizer Demokraten also abgestimmt. Das Anliegen, der Initiativtext, ist kurz und knapp: «Das kantonale Schulgesetz ist so zu ändern, dass die Unterrichtssprache im Kindergarten grundsätzlich die Mundart ist.»

Die Argumente der Initianten (Auswahl):

  • Mundart und Dialekt gehören zur Kultur und festigen die Identität
  • Im Kindergarten soll vor allem soziales Verhalten erlebt und gestärkt werden - dafür ist die Mundart geeignet
  • Es droht eine Generation heranzuwachsen, die ein Schweizerdeutsch mit völlig verkümmertem Wortschatz spricht
  • Auch fremdsprachige Kinder sollen die Mundart lernen können, das leistet einen Beitrag zur Integration

Im Kanton Zürich wurde eine ähnliche Volksinitiative im Jahr 2011 relativ klar angenommen: 54 Prozent der Stimmberechtigten legten damals ein Ja in die Urne. Allerdings: In 17 der 21 Deutschschweizer Kantonen wird im Kindergarten auch Standardsprache, also Hochdeutsch, gesprochen oder unterrichtet. Und im Kanton Luzern scheiterte eine ähnliche Initiative der SVP im Jahr 2013 am Stimmvolk.

Nur SVP und EDU sind für die Initiative

Auch im Aargau macht sich nun eine breite politische Allianz gegen die Mundart-Initiative stark. Regierung und Parlament haben der Initiative eine deutliche Abfuhr erteilt und auch keinen Gegenvorschlag beschlossen. SP, Grüne, CVP, EVP, BDP, GLP und FDP lehnen die Initiative ab, nur die beiden Parteien SVP und EDU haben die Ja-Parole beschlossen.

Die Gegner sind sich ihrer Sache allerdings nicht ganz sicher. Die Resultate in Luzern und Zürich hätten gezeigt, dass es «in der Bevölkerung breite Sympathien für das Anliegen» gebe, hält das Gegenkomitee in einer Mitteilung fest.

Die Argumente der Gegner (Auswahl):

  • Die Förderung von Hochdeutsch und Mundart im Kindergarten erfolgt spielerisch, überfordert die Kinder also nicht
  • Hochdeutsch gehört bereits heute zum Kinderalltag, zum Beispiel im Fernsehen
  • Studien (z.B. Pisa) zeigen einen Trend zu besseren Deutschleistungen an der Volksschule, das dürfte an der Sprachförderung im Kindergarten liegen
  • Generell gehören Lehrplan-Inhalte nicht auf Gesetzesstufe geregelt

Auch die Aargauer Regierung hat bereits auf die Mundartinitiative reagiert. Sie hat den Lehrplan für den Kindergarten auf das Schuljahr 2014 hin angepassst. Neu müssen die Lehrpersonen nicht mehr 50 Prozent des Unterrichts in hochdeutscher Sprache abhalten, sondern nur noch einen Drittel. Damit soll «den Anliegen der Mundartförderung entgegengekommen werden», wie es in der Abstimmungsbroschüre heisst.

Abstimmungsausgang ist offen

Die Regierung weist weiter darauf hin, dass die Hochdeutsch-Pflicht ausschliesslich für Lehrpersonen gelte. Die Kinder könnten auch gemäss aktueller Regelung ständig Mundart sprechen, wenn sie dies wollten.

Der Ausgang der Abstimmung ist völlig offen. Die Mundartinitiative ist die einzige kantonale Vorlage im Aargau. Die nationalen Abstimmungsvorlagen (Gripen, Mindestlohninitiative, Pädophileninitiative, Hausarztmedizin) dürften für eine relativ hohe Stimmbeteiligung sorgen. Welcher Seite das hilft, ist im Moment allerdings noch offen.