Claude Longchamp tritt ab «Meine Fliegen kann ich vielleicht als Barkeeper verwenden»

Nach 30 Jahren verabschiedet sich Claude Longchamp vom Fernsehen. Doch der Politologe hat viele Pläne.

SRF News: Claude Longchamp, nach 30 Jahren Fernseh-Präsenz: Überwiegt die Wehmut oder die Vorfreude auf das Neue?

Claude Longchamp: Wehmütig bin ich nicht wirklich. Aber ich bin ein wenig stolz, in den letzten drei Jahrzehnten zu einem kleinen Stück Schweizer Fernsehgeschichte beigetragen zu haben. Und ich bin sehr gespannt, wie ich die Situation meistern werde, in für mich fremden Ländern zu leben.

Claude Longchamp mit weisser Fliege im Abstimmungsstudio

Bildlegende: Claude Longchamp im «Abstimmungsstudio» am 17. Mai 1992 SRF Archiv

Welche Anekdote aus dem «Abstimmungsstudio» ist Ihnen in besonderer Erinnerung geblieben?

Das war 2003, als Ueli Maurer am Wahlabend erklärte, die SVP beanspruche einen zweiten Bundesratssitz. Damit hatten fast alle gerechnet. Er fügte jedoch an, der neue Bundesrat müsse wie ein Christoph Blocher die neue SVP repräsentieren, was fast alle überraschte.

Dann erinnere ich mich an unsere erste Hochrechnung 1992, als Jan Hiermeyer über unser Computerkabel stürzte, es dabei ausriss, und der PC keinen Strom mehr hatte. Als wir ihn wieder einschalteten, war das Programm weg, und die Sicherheitskopie lag bei einem Kollegen zuhause.

Schliesslich 2015 die Abstimmung über das Radio- und Fernsehgesetz (RTVG), bei der wir am längsten hatten, um das Ja vom Nein unterscheiden zu können. Denn die Hochrechnung ergab während drei Stunden 50,0 zu 50,0. Am Ende waren es 50,08 Prozent Ja, was ich erstmals nicht in einem SRG-Medium verkündete, sondern auf Twitter, denn es hatte gerade keine passende Sendeeinheit mehr.

Urs Leuthard und Claude Longchamp während einer Wahlsendung.

Bildlegende: Seit 1987 analysierte Claude Longchamp die Wahl- und Abstimmungsergebnisse für das Schweizer TV-Publikum. Keystone

Im Juni starten Sie eine Weltreise. Werden Sie die Abstimmungen dann auch verfolgen?

Gute Frage, ich glaube und fürchte ja. Denn ich bin ja nicht nur als Analytiker daran interessiert, sondern auch als veritabler Citoyen. Ich habe auch vor, auf der halben Welt Gruppen zu treffen, die sich für direkte Demokratie interessieren, und da muss ich ja auf dem Laufenden bleiben, über was im Mutterland der Volksabstimmungen geschieht.

«  In Pension gehe ich kaum. »

Werden Sie Ihren Twitter-Account auf der Weltreise wirklich laufend aktualisieren?

Soweit es geht. Twitter ist ja nicht überall erlaubt, und in der Antarktis megateuer. Lead-Acount wird @weltreise1718 werden, den @stadtwanderer werde ich nutzen, wenn ich in Aachen, Königsberg, Moskau, Ulan Bator, Schanghai oder Sydney auf Wanderschaft gehe. Mit meiner bisherigen Stammadresse werde ich gelegentlich versuchen, die Schweizer Politik aufzumischen.

Claude Longchamp.

Bildlegende: Nach «seinem» letzten Abstimmungssonntag geht Claude Longchamp im Juni auf Weltreise. Keystone

Und wie wird es nach der Reise ausschauen?

Im gfs.bern würde man sagen, dafür gibt es schon mal «Projektskizzen», teils auch Offerten, aber es ist noch wenig entschieden: Einen Hardjob, wie bisher, werde ich nicht mehr machen wollen. In Pension, wie da und dort geschrieben wurde, gehe ich aber kaum. Mir schwebt vor, Portfolio-Worker für dies und das zu werden: mit Lehraufträgen an Universitäten und Fachhochschulen, mit Stadtwanderungen in Bern, Murten, Freiburg und im Burgund – für die ich noch Medienpartner suche. Dann habe ich ein Buchmanuskript im Kopf und auf Papier und plane eine Politbar in Bern, die der «Arena» Konkurrenz machen will.

Was wird aus Ihren Fliegen, die Sie jetzt ja nicht mehr brauchen?

Wenn ich Barkeeper werde, kann ich die ganz ordentlich weiterverwenden.