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Präimplantationsdiagnostik Diskussion um Labor-Embryonen erhitzt die Gemüter

Die Debatte zur Präimplantationsdiagnostik im Ständerat hat gezeigt, dass viele aus persönlicher Überzeugung abstimmten. Es war eine emotionale Debatte. Die Meinungen gingen auch unter jenen Räten auseinander, die selber mit einer Behinderung leben. Betroffene erzählen.

Im Reagenzglas gezeugte Embryos sollen in der Schweiz künftig auf gewisse Krankheiten untersucht werden dürfen. Allerdings nur in Ausnahmefällen. Dann nämlich, wenn es in der Familie eine schwere Erbkrankheit gibt. Das hat der Ständerat beschlossen. Eine Minderheit wollte allen, die sich für eine künstliche Befruchtung entscheiden, solche Tests erlauben.

Luc Recordon gestikuliert im Ständerat.
Legende: Luc Recordon ist gehbehindert. Er ist für Tests an Embryonen, bevor man sie einpflanzt. Keystone

Der grüne Waadtländer Ständerat Luc Recordon leidet selbst unter einer seltenen Erbkrankheit. Er kam mit verkümmerten Schienbeinen zur Welt und kann nur mit Hilfe von Prothesen gehen. Vor bald neun Jahren, damals noch Nationonalrat, sprach er sich zur Überraschung vieler für Gentests an Embryonen aus – und schockierte viele mit der Aussage, er wäre lieber nicht geboren worden.

Heute relativiert er diese Aussage: «Ich kann heute sagen, am Ende, wenn ich alles weiss, war es vielleicht gut, gelebt zu haben. Aber am Anfang weiss man es nicht. Das ist immer das gleiche Problem.»

Paare sollen selbst entscheiden können

Aber seiner Haltung ist er treu geblieben: Er ist für die Gentests an Embryos, dafür, dass Eltern untersuchen lassen können, ob ihr Kind gesund sein wird oder nicht – nur so könnten sie eine gute Entscheidung treffen. «Wir müssen den Leuten, die vielleicht ein behindertes Kind bekommen, die Möglichkeit geben, genug zu wissen, um selbstbestimmt zu handeln und ihre Verantwortung wahrzunehmen.»

Christian Lohr (CVP/TG) im Rollstuhl im Ständerat.
Legende: Christian Lohr kann seine Arme nicht bewegen. Er steuert seinen Rollstuhl mit den Füssen. Keystone

Recordon wollte also weiter gehen als die Mehrheit des Ständerats, auch wegen seiner persönlichen Geschichte.

Auch Christian Lohr ist behindert. Er kommt aber aufgrund seiner Geschichte zu gegenteiligen Schlüssen. Der Thurgauer CVP-Nationalrat gehört zu jenen Menschen, die Opfer des Contergan-Skandals wurden. Das Medikament führte in den 1950er und 1960er Jahren zu Missbildungen von Embryonen im Mutterleib.

Lohr: «Ich habe ein Leben gewonnen»

Lohr kam ohne Arme und mit fehlgebildeten Beinen zur Welt. Er hätte es lieber gesehen, seine Ständeratskollegen hätte heute gar nichts wissen wollen von Präimplantationsdiagnostik, sagt er. Er werde im Nationalrat die Vorlage grundsätzlich bekämpfen, sei aber auch froh, dass der Ständerat nicht noch weiter gegangen ist: «Es kann nicht sein, dass wir nachher alles Erdenkliche einfliessen lassen, um jegliche Beeinträchtigungen schon vor dem eigentlichen Lebensstart wegzubringen.»

Lohr sagt, er probiere diese Fragen nüchtern zu betrachten, trotz seiner persönlichen Betroffenheit. Er sagt aber auch: Hätten seine Eltern während der Schwangerschaft all die Untersuchungen durchführen dürfen, die heute erlaubt sind – er wisse nicht, ob er je geboren worden wäre.

«Vielleicht kommt in mir nicht nur eine Trotzstimmung auf – jetzt erst recht – sondern auch eine demütige Haltung, so dass ich sage, eigentlich bin ich dankbar.» Er sage das seinen Mitmenschen immer wieder: «Ich habe ein Leben gewonnen, und nicht ein normales, nicht behindertes Leben verloren.»

Zwei Betroffene, zwei Meinungen

Lohr weiss mit seiner restriktiven Haltung die Behindertenverbände hinter sich. In einem Brief an alle Ständeräte haben diese letzte Woche dazu aufgerufen, für strenge Regelungen bei der Präimplantationsdiagnostik zu stimmen.

Entsprechend erleichtert war heute Christa Schönbächler von insieme, der Vereinigung für Eltern geistig behinderter Kinder, dass der Ständerat Nein sagte zum weitergehenden Screening. «Mit diesem Screening wären Kinder mit einem Downsyndrom systematisch verhindert worden. Das hat uns schon mit grosser Besorgnis erfüllt.»

Ob auch der Nationalrat Gentests an Embryonen nur sehr begrenzt zu lassen will, wird sich frühestens in der Sommersession zeigen. Schon jetzt steht aber fest, dass in dieser heiklen Frage am Schluss die Stimmberechtigten entscheiden müssen.

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