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Was heisst es, Legasthenikerin zu sein?
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Legasthenie Lernstörungen: «Ich dachte, ich sei dumm...»

Etwa jeder Zwanzigste ist davon betroffen, doch gesprochen darüber wird wenig. Dabei hat eine Lese- und Rechtschreibstörung mit mangelnder Intelligenz oder Faulheit nichts zu tun.

Ein Blatt mit drei horizontal halbierten Wörtern: Schwimmbad, Wurstsalat und Bahnhof
Legende: Halbierte Wörter sind für die meisten trotzdem erkennbar. SRF

Erkennen Sie die Worte wieder? Falls ja, hat Ihr Gehirn gerade eine Wort-Skyline abgerufen. Beim Lesen werden verschiedene Areale in der linken Hirnhälfte aktiv. Gerade eben wurde Ihr Wortbildgedächtnis getriggert. Sie kennen die Skyline von «Wurstsalat» und können das halbe Wort im Kopf ergänzen.

Menschen mit einer Lesestörung hingegen können Wortbilder schlecht speichern und abrufen. Jeder Satz wird zu einer Herausforderung.

Ein Blatt mit einer Zeichenabfolge, die unleserlich ist
Legende: Ohne vertrautes Wortbild verlangsamt sich das Lesen stark. Hier ein zerstörtes Bild vom Wort «Erziehung». SRF

In der Schweiz leidet etwa jeder Zwanzigste an einer Lese- und Rechtschreibstörung, auch bekannt als Legasthenie.

Eine davon ist Yoninah Steiner. «Puls» traf sie das erste Mal vor 9 Jahren. Für die damals 13-Jährige war jedes Diktat eine Herkulesaufgabe – chancenlos. Yoninah ist nicht die Einzige in ihrer Familie: Ihre Grossmutter, ihre Mutter und ihr grosser Bruder leiden ebenfalls an Legasthenie. Kein Zufall: Ist die Mutter oder der Vater Legastheniker, so leidet die Tochter zu 25 Prozent auch daran, der Sohn gar zu 50 Prozent.

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In neuropsychologischen Tests werden Lernstörungen abgeklärt
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In neuropsychologischen Tests wurde Yoninahs Diagnose bestätigt. Lernstörungen sind keine Frage der Intelligenz: Yoninah zeigte ein gutes abstraktes Denken, Tiernamen konnte sie im Test mühelos aufzählen. Doch beispielsweise Worte mit dem Anfangsbuchstaben «S» zu finden, bereitete ihr Mühe.

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Legasthenikern haben Mühe, Buchstaben und Laute zu verbinden
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Während bei anderen das Gehirn Buchstaben und Laute problemlos erkennt und zusammenführt, geht dies bei Legasthenikern nur mit Einschränkungen. Ein «Mond» wird zu «Mod», «Mondt» oder «Momb». Der Klang ist hier immer noch ähnlich, aber das Wort falsch geschrieben.

Wer sich mit Lernstörungen wie der Legasthenie auseinandersetzt, merkt schnell: Jede schriftliche Aufgabe wird zur Knochenarbeit.

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Leseschwäche erleben: Das Schul-Experiment
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Neben der Herausforderung im Unterricht kämpfen Menschen mit Lernstörungen auch gegen Vorurteile an. «Ich dachte zuerst, ich sei dumm. Die anderen haben die Fehler nicht gemacht», so die damals 13-jährige Yoninah.

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Yoninah Steiner: «Ich dachte zuerst, ich sei dumm...»
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Doch Lernstörungen haben nichts mit Dummheit oder Faulheit zu tun. Die Forschung zeigt, dass bei einer Legasthenie bestimmte Hirnareale beim Lesen anders, schwächer funktionieren. Die Wahrnehmung ist beeinträchtigt. So ist es mit Fleiss nicht einfach wieder ausgebügelt. Die Diagnose gilt rechtlich als eine Behinderung. Einen Legastheniker ohne Unterstützung durch die Schule zu peitschen, kann zu grossem Leidensdruck und Schulversagen führen. Vergleichbar mit der Situation eines Gehbehinderten, der ohne Hilfsmittel Treppensteigen soll. Für mehr Chancengleichheit braucht es Massnahmen, die der legastheniebedingten Beeinträchtigung gerecht werden.

«Lernstörungen» - 3 Fragen und Antworten

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Stichwort differenzierter Unterricht für Menschen mit Lese-Rechtschreibstörung (LRS): Was können sinnvolle Differenzierungen sein? Was, wenn keine Differenzierung stattfindet?

Monika Lichtsteiner, Psychologin:
Sinnvolle Differenzierungen: Mit sinnvoll ist gemeint, dass die unterschiedlichen Bedürfnisse berücksichtigt werden. Wer beispielsweise mit den Augen sehr langsam liest ("Augenlesen"), hat in der Regel Probleme, den Text zu verstehen. Das Lernen aus Texten ist dann erschwert. Wird der Text vorgelesen (z.B. durch eine App oder eine Person), dann können Lernende mit LRS den Text in der Regel gut verstehen («Ohrenlesen»). Lernen aus Texten ist so viel besser möglich. Wenn keine Differenzierung stattfindet, dann kann ein Gespräch mit der Schule helfen.

Kann Strategie-Wissen helfen? Wie kann dies sinnvoll vermittelt werden, insbesondere wenn die LRS erst in der 5. Klasse diagnostiziert wird und das Selbstvertrauen und die Motivation bereits gelitten haben?

Susanne Kempe, Logopädin/Dozentin:
Strategie-Wissen ist v.a. ab einem bestimmten Alter sehr wichtig. Dabei geht es nicht mehr ausschliesslich ums Üben und sich Verbessern, sondern darum, trotzdem zum Ziel zu kommen. Das kann Lernstrategien, aber auch das Nutzen von Hilfsmitteln betreffen. Bei der Vermittlung geht es darum, individuell passende Strategien zu finden. Also verschiedenes ausprobieren und herausfinden, was weiterhilft. Das ist besonders wichtig, wenn ein Kind oder Jugendlicher bereits viel Misserfolge hinter sich hat. Was leider immer wieder vorkommt.

Raten Sie Kindern in der Primarschule, den Klassengspänlis mitzuteilen, dass eine Lese-Rechtschreib-Schwäche vorliegt, damit man allenfalls nicht ausgelacht, blöd hingestellt wird?

Monika Brunsting, Psychologin/Psychotherapeutin:
Das finde ich eine wichtige Aufgabe der Lehrperson. Jeder ist anders, nicht alle sind überall gleich gut. Wissen Sie, dass es sehr berühmte Legastheniker gibt? Schauen Sie im Netz. Sie werden staunen! Kürzlich hat ein Schweizer den Nobelpreis erhalten, der als Legastheniker sehr mühsam durch die Schulen ging.

Legasthenie ist unheilbar, genau wie die weniger bekannte Lernstörung Dyskalkulie, die Rechenstörung. Doch in Therapien mit Heilpädagoginnen oder Logopäden kann man Fähigkeiten und Strategien trainieren. Auch sollten Schulen Kinder bei Legasthenie-Verdacht abklären lassen. Bei einer Diagnose haben sie Anspruch auf einen Nachteilsausgleich: etwa mehr Zeit bei Prüfungen oder eine stärkere Gewichtung von mündlichen statt schriftlichen Noten.

Auch Yoninah musste sich immer wieder Gehör verschaffen und ihren Anspruch auf Nachteilsausgleich einfordern. Heute hat sie die Matura geschafft – einfach war es nicht. Die Legasthenie ist immer noch die gleiche wie vor neun Jahren, doch die 22-Jährige hat mittlerweile Strategien gefunden, um damit umzugehen. «Ich sehe es nicht mehr so sehr als Lernschwäche, sondern mehr als mein eigenes Denken, das einfach anders ist als das der meisten Menschen.»

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«Auch als Legastheniker hat man etwas zu sagen in dieser Welt.»
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Weitere Informationen rund um Legasthenie und Dyskalkulie finden Sie auf der Webseite des Verbands Dyslexie Schweiz, Link öffnet in einem neuen Fenster.

Puls, 12.04.2021, 21:05 Uhr

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4 Kommentare

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  • Kommentar von Tom Eglin  (Sille)
    Jeder Mensch soll den Glauben haben in etwas gut zu sein. Schulischen Erfolg sagt für mich wenig über Lebenserfolg aus. Ich kenne sehr viele Beispiele. Man kann auch mit Lernschwächen zufrieden und erfolgreich sein. Keep on going!
  • Kommentar von Christoph Von Ballmoos  (Vballmoc)
    Der Text ist soweit ok, aber die Behauptung, Legasthenie sei unbekannt, oder gar ein Tabu, ist komplett unwahr. Bereits vor 40 Jahren, als ich in die erste Klasse ging, hat man die Symptome exakt gleich beschrieben. Kein vernünftiger Mensch hält diese Leute für dumm. Natürlich ist man überrascht, wenn ein sehr gebildeter Mensch einfachste Sätze nicht korrekt schreibt, aber eine Stigmatisierung findet nicht statt. Für die Betroffenen ist aber sicher schwierig, zu diesen 5% zu gehören.
    1. Antwort von Samuel Nogler  (semi-arid)
      Es gibt leider viel zu viele Menschen, die Legastheniker, ADHSler, Asperger, Autisten, Dyskalkulier und alle anderen mit IQ unterhalb von 150 für dumm halten. Nicht selten halten sich Menschen auch selbst für dumm.
      Fakt ist aber, dass es keine dummen Menschen gibt, sondern Menschen mit unterschiedlichen Begabungen und Schwächen. Wichtig, dass diese nicht tabuisiert werden, sondern dass vor allem die Betroffenen darüber sprechen können.
    2. Antwort von Angela Nussbaumer  (Angela N.)
      Da kann ich Ihnen nicht beipflichten, Herr Von Ballmoos. Wir sind weit, weit entfernt von inkludiertem Denken, Fühlen und Handeln, wenn es um Neurodiversität geht. Wie Herr Nogler es schreibt, werden Betroffene für dumm gehalten, ja für BEHINDERT. Dabei ist es die neurotypische Gesellschaft und Arbeitswelt, welche die Behinderung verursacht und der IV Neuzugänge zuschanzt, die nicht (immer) dorthin gehörten, sondern eine andere Umgebung brauchen, um ihre Gaben einzubringen zum Wohle aller.