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Serie: So liebt die Welt Liebe in Polen: Ein Halleluja auf die Lust

In Polen sind bei der Liebe oft mehr als zwei involviert – Gott ist mit von der Partie. Doch seit der Öffnung Polens gegen Westen beginnt dieses Konzept zu bröckeln. Die Kirche muss moderner werden – und predigt deshalb guten Sex, wie die Serie «10vor10» zeigt.

Legende: Video «Liebe in Polen» abspielen. Laufzeit 6:36 Minuten.
Aus 10vor10 vom 27.12.2012.

Im Kloster von Stalowa Wola ist die Welt noch in Ordnung. Hier, tief in den Bergen Südpolens, lebt der charismatische Kapuzinermönch Ksawery Knotz. Der 47jährige Mönch tourt durch das katholischste Land Europas, um so genannte «Liebesseminare» zu halten.

«Ein Mann muss seine Frau sexuell befriedigen, das ist sehr wichtig. Ihr müsst das gut machen, sonst funktioniert eure Ehe nicht», predigt der Kapuzinermönch in seinen Seminaren und Büchern. Oder: «Wer guten Sex hat, kann seinen Glauben tiefer leben und kommt damit Gott noch näher». Die Grundaussage ist immer dieselbe: Die Menschen sollen ein erfülltes Sexualleben haben, sonst gehen die Ehen in die Brüche.

Ehepaare lieben zu dritt

Die Botschaft kommt an. Davon überzeugen wir uns beim Besuch eines tiefgläubigen Ehepaars, das bereits an mehreren Seminaren des Mönchs teilgenommen hat.

Rahel Sahli und der Kapuzinermönch stehen nebeneinander
Legende: Kapuzinermönch Knotz – hier mit «10vor10»-Reporterin Rahel Sahli – trägt seine Botschaft ins ganze Land. srf

Mit seiner Hilfe sei ihr Sexualleben intensiver und die Ehe gefestigt geworden. Auf die Frage, wie stark das Ehepaar ihre Sexualität mit Gott verbindet, kommt prompt die Antwort: «Gott ist immer mit dabei, auch beim Sex». Die beiden schenken Gott gar ihren Orgasmus und sagen: «Sex ist viel intensiver, wenn Glaube mit im Spiel ist».

Sex und Katholizismus?

Manch einer, der dem Mönchen zuhört, reibt sich aber die Augen: Sex und Katholizismus, das geht doch nicht zusammen? «Doch», sagt der Mönch « die Katholische Kirche ist da einfach zu zurückhaltend und das ist nicht gut». Wenn die katholische Kirche offener über Sexualität sprechen würde, gingen die Leute auch nicht von der Kirche weg. Und genau deshalb werden die Liebesseminare des Mönchs auch von ganz zuoberst in der polnisch katholischen Kirche unterstützt. Sie sind Mittel gegen die Säkularisierung des Landes.

Druck der Moderne

Die Verweltlichung hat in den Städten aber bereits eingesetzt. Zwar glauben auch in der polnischen Metropole Warschau viele Menschen an Gott, doch seit der Öffnung Polens gegen den Westen ist es weitgehend aus mit der Kirchentreue. Keuschheit vor der Ehe und züchtiges Verhalten gehören – wie im restlichen Europa – weitgehend der Vergangenheit an.

Der Warschauer Soziologie-Professor Janusz Czapinski sagt, was Kirchenvertreter nicht gerne hören: «Zwei von drei Polen könnten sich heute vorstellen, vor der Eheschliessung Geschlechtsverkehr zu haben». Die Katholische Kirche verliere jedes Jahr ein bis zwei Prozent Anhänger. Das nagt an der Moral: In den Städten gibt es mittlerweile an jeder Tankstelle «Sexhefte» zu kaufen und Prostituierte bieten ihre Dienste an.

«Reine Herzen» halten zusammen

Wie tiefgläubig die Menschen in Polen aber immer noch sind, merken wir selbst in Warschau. Um sich vor der Unzüchtigkeit zu schützen, haben sich hier junge Gläubige zur «Bewegung der reinen Herzen» zusammengeschlossen. Über 9‘000 junge Menschen gehören ihr bereits an. Sie sind unverheiratet und stehen sich gegenseitig bei, bis zur Ehe keusch zu leben. «Wir helfen uns gegenseitig  (...) und wenn wir die nackten Frauen auf den Plakaten sehen, dann schauen wir einfach weg und beten für diese Frauen».

Und so macht es wohl auch der Kapuzinermönch, der unermüdlich durchs Land fährt und über Sex spricht. Der Liebesprediger selbst lebt glücklich und zufrieden - trotz Zölibat: «Irgendwann habe ich mich in Gott verliebt, diese Liebe reicht mir vollkommen».

1 Kommentar

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  • Kommentar von Josef C. Haefely, Mümliswil
    Wenn ich mir "Liebe in Polen" ansehe, wo Selbstverständlichkeiten in Sachen nachhaltiger ehelicher Liebe der nächsten Generation noch vermittelt werden, scheint mir die Schweiz zu einem Drittweltland verkommen zu sein. Wer "Sex" und "katholisch" in seinem Kopf nicht zusammenbringt, möge nach "Theologie des Leibes" von Johannes Paul II. googeln und kann wohl noch einiges lernen, vielleicht auch, dass er seine Vorstellung von Kirche und Sex mal dringend in Revision schicken sollte.
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