3 Wähler 3 Generationen: Was die Schweizer Wirtschaft braucht

Was sind gerechte Löhne, wie viel Wachstum brauchen wir – und was verursachen die beliebten Shoppingtrips ins grenznahe Ausland? 3 Wähler aus 3 Generationen und eine Politologin standen im «Treffpunkt» auf dem Kaufplatz in Visp (VS) Red und Antwort.

Teilnehmer des «Treffpunktes» in Visp

Bildlegende: Wohin in der Wirtschaftspolitik? Fredy Studer, Kurt Locher, Sambaavi Poopalapillai, Christina Lang und Nathalie Giger. SRF

Seit der Aufhebung des Mindestkurses stehen Teile der Schweizer Wirtschaft vor grossen Herausforderungen. Wie soll es weiter gehen und was beschäftigt die 3 Wähler aus 3 Generationen in Wirtschaftsfragen besonders? Darüber diskutieren die 19-jährige Wirtschaftsstudentin Sambaavi Poopalapillai, der 48-jährige Sanitärunternehmer Kurt Locher und der 67-jährige Musiker Fredy Studer im Wahl-Lokal im Oberwalliser Wirtschaftszentrum Visp, in der Sendung «Treffpunkt». Politologin Nathalie Giger ordnet die Aussagen in den grösseren Zusammenhang ein.

Würden Sie im Ausland einkaufen, um vom starken Franken zu profitieren?

Fredy Studer: Von der Schweiz aus im grenznahen Ausland beispielsweise billiges Fleisch einkaufen, das mache ich nicht. Dem hiesigen Metzger oder dem kleinen Gemüseladen zieht man so den Teppich unter den Füssen weg. Ich finde das unsolidarisch.

Sambaavi Poopalapillai: Ich verdiene nicht viel. Deshalb bin ich nicht bereit, in der Schweiz für Produkte das Doppelte zu bezahlen wie im Ausland. Ich muss da an erster Stelle für mich schauen. Auch wenn ich weiss, dass im Ausland einkaufen eigentlich nicht richtig ist.

Kurt Locher: Man soll das Geld dort ausgeben, wo man es verdient. Das erhaltet Strukturen, Arbeitsplätze – also eigentlich das Leben und die Kultur.

Nathalie Giger: In der Politik haben alle Parteien die Haltung, dass die Kaufkraft nicht ins Ausland abwandern soll. Da gibt es keine Unterschiede zwischen links und rechts. Politiker aus Grenzkantonen, wo die Leute viel im Ausland einkaufen, sind aber aktiver als jene in der Innerschweiz. Bei den Konsumenten sieht man, dass Moral und Ethik weniger eine Rolle spielen, wenn sie wenig Geld haben und erst mal ihre Grundbedürfnisse decken müssen.

Die Schweiz hat derzeit ein tiefes Wirtschaftswachstum. Wie wichtig ist Wachstum?

Teilnehmer des «Treffpunktes» in Visp

Bildlegende: «Grenzenloses Wachstum würde zum Fiasko führen»: Die 3 Wähler zeigen sich wachstumskritisch. SRF

Fredy Studer: Als klar wurde, dass China nicht die erwarteten Wachstumszahlen erreicht, wurde die ganze Welt nervös. Unser System baut auf dem Wachstum auf, was über einige Generationen funktionierte. Nun stehen die Zeichen aber anders. Es geht nicht mehr so weiter. Das sagen mittlerweile ja auch Fachleute wie Larry Summers, der Präsident Obama berät.

Kurt Locher: Das grenzenlose Wachstum gibt es nicht und es würde zu einem Fiasko führen. Es ist höchste Zeit, dass man nach neuen Modellen, neuen Formen des Zusammenlebens sucht. Aber das ist ein Prozess. Das läuft nicht einfach auf Knopfdruck.

Sambaavi Poopalapillai: Als junge Wirtschaftsstudentin will man natürlich hören, was Erfahrenere dazu sagen. Wenn aber gepredigt wird, dass Wachstum wichtig ist und man dieses erwartet, verstehe ich das nicht wirklich. Wenn es Tag ist, wird auch wieder Nacht. Irgendwann wird das Wachstum zurückgehen.

Nathalie Giger: Unser kapitalistisches Wirtschaftssystem basiert auf Wachstum. Aber es gibt eine zunehmende Zahl an Leuten, die gegenüber dem Wachstum kritisch, sogenannt postmaterialistisch, eingestellt sind. Bei ihnen nimmt der Stellenwert des Geldes ab, Werte wie Freizeit und Familie werden wichtiger. Das verändert auch die politische Landschaft.

Was ist ein gerechter Lohn?

Kurt Locher: Bei meinen Angestellten ist mir wichtig, dass ich den Lohn an der Ausbildung, Funktion und Leistung ausrichte. Das ergibt dann ein gewisses Gefälle. Der Markt bestimmt jedoch mit: Wenn ich zu tiefe Löhne zahle, wandern die Angestellten ab. Sind sie zu hoch, bin ich nicht mehr konkurrenzfähig.

Sambaavi Poopalapillai: Ich verdiene etwa 19 Franken pro Stunde in meinem Nebenjob, wo ich immer wieder harte körperliche Arbeit verrichten muss. Ganz allgemein verstehe ich nicht, dass Leute, die im Büro arbeiten, viel mehr verdienen als Leute, die harte körperliche Arbeit verrichten. Die Leistung soll zählen, nicht die Ausbildung.

Fredy Studer: Als Musiker ist Lohngleichheit kein wirkliches Thema. Wir geben auf der Bühne alles und verdienen alle gleich. Was mich aber beschäftigt, ist das Thema Working-Poor. Wenn Leute den ganzen Tag arbeiten und von ihrem Lohn trotzdem nicht leben können, ist das eine tragische Situation.

Nathalie Giger: Die Lohnungleichheit steigt in ganz Europa, in den USA ist sie sehr hoch. Die Schweiz steht zwar relativ gut da, wir sind kein extrem ungleiches Land. Aber auch bei uns steigt die Lohnungleichheit.