Die Prioritäten der FDP im Kanton Waadt

Die Waadtländer FDP ist seit 2007 nicht mehr im Ständerat vertreten. Deshalb war die Hoffnung gross, dass Finanzdirektor Pascal Broulis von der FDP nun ins Rennen steigt, um einen der Ständeratssitze zurückzuerobern. Doch er will nicht. Portiert wird deshalb der FDP-Nationalrat Olivier Français.

Olivier Français, der Ständeratskandidat der Waadtländer FDP.

Bildlegende: Olivier Français, der Ständeratskandidat der Waadtländer FDP. Keystone

Die Westschweizer Medien hatten sich derart auf Pascal Broulis eingeschossen, dass die Kandidatur Olivier Français nun enttäuscht. Eine Alibi-Kandidatur sei das, heiss es etwa im Westschweizer Radio RTS.

Die Bürgerlichen machten die Hälfte der Wählerschaft in der Waadt aus, verteidigte sich Français. Ein Sitz im Ständerat würde ihnen zustehen. Das ist eine bescheidene Forderung, angesichts der einstigen Allmacht der FDP. Gerade mal fünf aller je gewählten Waadtländer Ständeräte kommen nicht aus deren Lager.

Kanton visionslos verwaltet

Die Gesellschaft um die Partei herum habe sich gewandelt, sagt Parteihistoriker Olivier Meuwly, selber FDP-Mitglied. Visionslos habe der Freisinn den Kanton mehr verwaltet als regiert, und dabei den Gesellschaftswandel verpasst.


Visionslose Waadtländer FDP

4:12 min, aus Echo der Zeit vom 22.04.2015

Konservative Parteimitglieder spalteten sich ab, bildeten auf dem Land eine neue Kraft – die SVP. Die Städte auf der anderen Seite wurden linker und bekämpften das Establishment. In der Waadt war das der Freisinn. Dazu gesellte sich in den 1990er Jahren die Wirtschaftskrise, die ein Loch von mehreren Milliarden Franken in die Kantonskasse riss.

1998 ein Schicksalsschlag

Yves Christen, der frühere Präsident der Kantonalpartei und Ex-Nationalrat, lässt in einem Café in Vevey schmerzhafte Erinnerungen aufleben. Die Waadt sei in Bundesbern wegen der Schulden nicht mehr als verlässlicher Partner angesehen worden. Die Zahl der Waadtländer Freisinnigen im Nationalrat verringerte sich von sieben auf vier.

Dann folgte 1998 der Schicksalsschlag: Erst die Demission aus dem Bundesrat, dann der Tod des Übervaters der Partei, Jean-Pascal Delamuraz. Führungslos taumelte die Partei von Niederlage zu Niederlage, bis Pascal Broulis im Kanton die Zügel wieder in die Hand nahm.

2002 wurde der Bankier in den Staatsrat gewählt und glich innerhalb von 10 Jahren das Kantonsdefizit von acht Milliarden Franken aus. Wenn einer das Stöckli zurückerobern kann, dann er, dachten sich viele. Dass er dies nun nicht versucht, enttäuscht viele Freisinnige.

Erstaunlich sei es nicht, sagt der frühere Nationalrat Yves Christen: Die Partei habe immer die zweite Garde nach Bern geschickt. Damit meint er auch sich selbst. Die Guten wollte man im Kanton behalten.

Der Kanton geht vor

Parteihistoriker Olivier Meuwly sagt es so: Broulis werde im Kanton gebraucht. Drei wichtige Wahljahre kämen auf die FDP Waadt zu. Dieses Jahr die nationalen Wahlen, nächstes Jahr die Stadtregierung in Lausanne, 2017 die Kantonsregierung. Da gelte es, die bürgerliche Mehrheit wieder herzustellen. Ohne das Zugpferd Broulis sei das schwer vorstellbar.