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20 Jahre nach dem Skandal Als ein Elch den Auto-Giganten ins Wanken brachte

Vor 20 Jahren blamierte sich Mercedes-Benz, als das neue Modell am «Elchtest» scheiterte. Eine Lektion für die gesamte Autoindustrie – in der Technik und in der Kommunikation.

Legende: Video 20 Jahre Elchtest abspielen. Laufzeit 2:30 Minuten.
Aus Tagesschau vom 02.12.2017.

Der Stern auf der Motorhaube: lange ein Symbol für Qualität und Prestige. Vor zwanzig Jahren drohte der Ruf von Mercedes jedoch zu kippen. Die neu eingeführte A-Klasse sollte das Vorzeigemodell unter den Kleinwagen werden, aber den Weg blockierte: ein Elch.

Zu hoher Schwerpunkt, zu wenig Technik

Legende: Video So läuft der Elchtest ab abspielen. Laufzeit 0:15 Minuten.
Aus News-Clip vom 17.11.2017.

Beim sogenannten «Elchtest» wird die Fahrstabilität von Autos überprüft, wenn der Fahrer wegen einem Hindernis schnell die Spur wechselt. In Skandinavien, wo die grossen Hirsche häufig in Unfälle verwickelt sind, gehört der Elchtest schon lange zum üblichen Testverfahren.

Als die schwedische Autozeitschrift «Teknikens Värld» die Mercedes A-Klasse 1997 auf die Teststrecke schickte, versagte das Modell auf voller Länge. Im Ausweichmanöver kippte das Fahrzeug um und landete auf dem Dach. Der Wagen wurde beschädigt, der Fahrer leicht verletzt.

Zerstörte Mercedes-A-Klasse nach Elchtest 1997
Legende: Dieses Mercedes-Modell scheiterte am Elchtest – und löste gewaltige Wellen aus. Keystone

Der Grund für das schlechte Abschneiden: Der Schwerpunkt der A-Klasse war für ein Auto dieser Grösse sehr hoch angesetzt. Ausserdem besass der Wagen – wie damals für Mittelklasse-Autos üblich – kein elektronisches Stabilitätsprogramm (ESP).

Aus der Doppelkurve im Elchtest nahm das Auto viel Energie in den Federn mit. «Wenn man mit der A-Klasse zwei Kurven nacheinander machte, wurde die Kippbewegung zu gross», weiss Bernhard Gerster, Professor für Automobiltechnik an der Berner Fachhochschule.

In der ersten Phase war die Kommunikation wirklich schlecht.
Autor: Patrick SuppigerPräsident Schweizer Verband für Krisenkommunikation

Zuerst abstreiten, dann zum Fehler stehen

Mercedes A-Klasse kippt beim Elchtest
Legende: Auch im kleinen Elchtest der «Rundschau» kam die A-Klasse 1997 an ihre Grenzen. SRF

Schnell verbreiteten sich die Resultate des Elchtests, Mercedes zog Spott und Häme auf sich. Zu Beginn versuchte der Mutterkonzern Daimler noch, das unliebsame Thema unter den Teppich zu kehren: Die Fahrt auf der Teststrecke in Schweden sei kein Gradmesser, so der damalige Daimler-Vertreter Jürgen Hubbert, «die A-Klasse ist jedoch in realen Fahrsituationen sicher».

«In der ersten Phase war die Kommunikation wirklich schlecht», attestiert Patrick Suppiger, der Präsident des Schweizer Verbandes für Krisenkommunikation. Daimler habe versucht, das Problem zu negieren, einen offenen Umgang mit dem Vorfall gab es nicht. «Man hat sich nicht darauf konzentriert, Öffentlichkeit und Kunden zu informieren» – ein Fehler.

Plüsch-Elch von Mercedes
Legende: Lassen sich so Kunden trösten? Der Plüsch-Elch von Mercedes wurde jedenfalls gut aufgenommen. SRF

Schnell wurde klar, dass sich diese Strategie nicht bewährt hatte. Daimler zog die Konsequenzen: In einer breit angelegten Werbekampagne zeigte sich der Grosskonzern demütig, Daimler entschuldigte sich und stand zu den Fehlern des ersten A-Klasse-Modells. Selbstironisch verteilte der Autobauer Plüsch-Elche an seine Kunden, für Patrick Suppiger Teil einer gelungenen «Charmeoffensive».

Heute besteht jeder Wagen den Elchtest.
Autor: Bernhard GersterProfessor für Automobiltechnik, Berner Fachhochschule

Wendepunkt bei Schleuderunfällen

Unterdessen dient der Elchtest-Skandal als Lehrbeispiel in der Krisenkommunikation. Neue Regulierungen gab es zwar keine wegen dem Elchtest, doch die Autoindustrie lernte aus dem Skandal. Fahrdynamikregelungen wie das ESP haben sich schneller über alle Fahrzeugklassen etabliert, als zunächst erwartet wurde – und diese Systeme sind für Bernhard Gerster ein wesentlicher Schritt, um Schleuderunfälle zu vermeiden.

Auch bei den Reifen und bei der Karosserie führte die Elchtest-Panne zu Verbesserungen. Zu hohe Schwerpunkte wissen Autobauer heute zu vermeiden. So ist auch klar: Bei einem schnellen Spurwechsel kippt heute kein Auto mehr um. Den Elchtest besteht heute jeder Neuwagen.

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6 Kommentare

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  • Kommentar von Servo Motor (Dschungelpartei)
    Heute besteht jeder Wagen den Elchtest? Was ist mit dem Jeep Grand Cherokee und dem Toyota Hilux?
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    1. Antwort von Albert Planta (Plal)
      Testen sie! Aber bitte ohne Servo Motor:-)
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  • Kommentar von Fritz Frei (Fritz Frei)
    Was Daimler nie veröffentlichte, ist der wahre Grund für die Probleme: Weil die A-Klasse ein Billigfahrzeug werden sollte, wurde sie nicht von der Personenwagen- sondern von der Nutzfahrzeugsparte entwickelt. Hoher Schwerpunkt war dort normal und ESP ein Frendwort.
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  • Kommentar von Tobi Hartmann (Tobias Hartmann)
    Es hat sich wenig geändert seither - noch immer wird zuerst negiert und gelogen und erst wenn die Beweise für alle ersichtlich auf dem Tisch liegen wird man reumütig und gibt Fehler zu. Und das ist bei allen Firmen so, sei es beim Abgastest von Fahrzeugfirmen, Arbeitsbedingungen bei Smartphone Produzenten oder der Schädlichkeit von Herbiziden bei Chemiefirmen – es gibt ganz einfach zu wenig Strafrechtliche Konsequenzen für Firmen und Verantwortliche. #Konzernverantwortungsinitiative
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    1. Antwort von B Näf (uluru)
      es braucht nicht mehr strafen und konsequenzen. es braucht nur ehrliche menschen und dass moral über profit steht. stell dir vor, wie gut es uns allen gehen würde.
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    2. Antwort von Beat Reuteler (br)
      Sowieso wären in diesem Fall "Strafrechtliche Konsequenzen" völlig unwirksam gewesen. Schliesslich hatte ja die Daimler Konzernleitung mit der Aussage der Elchtest sei kein offizielles Kriterium absolut recht. Und die erstaunlich schnelle Implementation von Verbesserungen in fast allen heute erhältlichen Modellen aller Hersteller zeigt auch dass es oft ohne Gesetze und Strafandrohungen geht. In diesem Fall war einfach der Druck der Öffentlichkeit stärker.
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