«Afrika wird immer noch unterschätzt»

Der afrikanische Kontinent hat ein Image-Problem. Obwohl die Wirtschaft seit Jahren wächst, wird Afrika noch immer mit Perspektivlosigkeit und Armut gleichgesetzt. Aber: Eine wachsende Mittelschicht kann sich vermehrt westliche Güter und Dienste leisten. Das birgt Chancen für Schweizer Unternehmen.

Video «Geschäfte mit Afrika» abspielen

Geschäfte mit Afrika

2:41 min, aus Tagesschau vom 12.6.2015

Tausende von Flüchtlingen erreichen dieser Tage Europa in der Hoffnung auf ein besseres Leben – viele von ihnen kommen aus Afrika. Man wird dem «schwarzen Kontinent» aber nicht gerecht, wenn man ihn nur mit Armut und Elend in Verbindung bringt. Seit Jahren erlebt Afrika einen gewaltigen Wirtschaftsaufschwung mit einer florierenden Mittelschicht, der auch für Schweizer Unternehmen profitabel sein kann.

Aus diesem Grund hat die Exportförderungs-Organisation des Bundes «Switzerland Global Enterprise» (SGE) – früher unter dem Namen OSEC bekannt – letzte Woche Unternehmer zum «Africa Business Day» eingeladen.

Nigeria: Neu grösster Markt Afrikas

Das Bruttoinlandprodukt wächst laut Suhail el Obeid, Senior Consultant bei SGE, in Afrika durchschnittlich vier bis fünf Prozent pro Jahr. Nur Asien wächst schneller. «Das Wachstum wird allerdings noch immer unterschätzt», sagt Michael Rheinegger, Co-Organisator der Tagung. Dies, weil die offiziellen Zahlen nur den formellen Sektor widerspiegeln würden. In Afrika sei der informelle Sektor jedoch bedeutend.

Ein Beispiel dafür sei Nigeria. Das Land habe 2014 nach 20 Jahren erstmals wieder das BIP neu bewertet. Hinzugekommen seien Branchen, die zuvor noch nicht erfasst wurden – etwa der Mobilfunkbereich. Die nigerianische Zentralbank habe laut Rheinegger selbst kaum glauben können, dass das BIP so um 40 Prozent höher ausfiel. Nigeria ist nun der grösste Markt Afrikas.

Gut ausgebildete Afrikaner kehren in die Heimat zurück

Während sich die Schweiz in Afrika noch zurückhalte, seien andere europäische Nationen bereits sehr aktiv - insbesondere Deutschland, Frankreich und die Türkei. Letztere investiere «sehr aggressiv», sagt Suhail el Obeid.

Innerhalb der Schweizer KMUs müssten «die Afrikaverantwortlichen oft noch um genügend Ressourcen kämpfen, um die Märkte seriös bearbeiten zu können.» Wer nicht investiere, lasse sich die Kaufkraft einer «sehr rasant wachsenden Mittelklasse» entgehen, so Michael Rheinegger.

Ein weiteres Anzeichen für das gesunde Wirtschaftsklima scheint die Rückkehr vieler im Westen ausgebildeter Afrikaner zu sein. Diese seien, so Rheinegger, während der letzten Finanzkrise in ihre Heimatländer zurückgekehrt, weil sie dort mehr Perspektiven gesehen hätten.

«Lokale Partner müssen einem den Weg weisen»

Eine Investition in Afrika scheint für Schweizer Unternehmen also vielversprechend zu sein. Allerdings gebe es unter den 54 afrikanischen Ländern «grosse Unterschiede», so Suhail el Obeid. Aus Schweizer Firmenperspektive seien vor allem Südafrika, Kenia, Ägypten, Tunesien, Marokko und neu Nigeria interessant. Korruption, Zahlungsausfall, Rechtsunsicherheit, sowie hohe Logistik- und Infrastruktur-Kosten würden jedoch auch in diesen Ländern Hindernisse darstellen, die es richtig einzuschätzen gelte.

«Das Wichtigste ist, vor Ort den richtigen Partner zu finden», sagt Amaechi Ndili, Chef der Lionstone Group, einer in Westafrika tätigen Investment- und Holdinggesellschaft. Dies kann auch Michael Rheinegger bestätigen: Da es oft sehr schwierig sei, an Daten zu kommen, bleibe oft unsichtbar, wie viel Potenzial überhaupt in den Märkten stecke. Was es brauche, seien gute lokale Partner, die einem den Weg weisen würden: «Es gibt Unternehmer, die elf-, zwölfmal ins Land fahren, bevor sie einen Investitionsentscheid treffen», so Rheinegger.