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Alternatives Zahlungsmittel WIR – eine Währung im Rückwärtsgang

WIR ist bei Schweizer KMU bekannt, aber nicht beliebt. Die WIR-Bank hat einen Viertel der Markt-Teilnehmer verloren.

Das Wichtigste in Kürze:

  • WIR ist eine Parallel-Währung, die von der WIR-Bank in Basel herausgegeben wird.
  • Umgesetzt werden jährlich rund 1,3 Milliarde WIR – ein WIR entspricht gemäss Definition der WIR-Bank einem Franken.
  • Wer WIR akzeptiert, muss diese WIR auch wieder loswerden, das ist zunehmend schwierig.
  • Auf dem Graumarkt werden WIR weit unter dem offiziellen Preis von 1:1 zum Franken gehandelt.

Kryptowährungen wie Bitcoin sind nicht die einzigen Parallelwährungen in der Schweiz. Seit den 1930er Jahren gibt es die WIR-Währung (siehe Box). Sie war unter kleinen und mittelgrossen Unternehmen lange weit verbreitet. Doch immer mehr Unternehmen wenden sich ab.

Und es sind gewichtige Unternehmen, die abgesprungen sind: der Autoimporteur Amag, der Küchen- und Badezimmereinrichter Sanitas Trösch, der Baumaterialhändler HG Commerciale. Germann Wiggli, CEO der WIR-Bank, beschwichtigt: «Wie gross die Mitgliederzahl genau ist, spielt keine Rolle. Wichtig ist, dass die Mitglieder, die dabei sind, eine gewisse Dynamik ausstrahlen und wirklich hinter dem System stehen und das System gut anwenden und praktizieren». Wie viele Unternehmen im laufenden Jahr insgesamt abgesprungen sind, möchte die Bank nicht kommunizieren.

Legende: Video So funktioniert das WIR-System abspielen. Laufzeit 00:35 Minuten.
Aus ECO vom 27.11.2017.

Ein grosser Mitspieler im WIR-System ist Implenia. Die grösste Schweizer Baufirma vergibt Aufträge bevorzugt an Firmen, die WIR akzeptieren, wie der Einkaufsleiter Jens Sasse erklärt: «Es ist ein Vergabekriterium, welches eine Rolle spielt. Wenn wir WIR haben, dann ist unser Ansinnen letztendlich gross, unsere WIR auch wieder am Markt zu platzieren».

Das System ist dysfunktional

Wer WIR einnimmt, muss sie auch wieder loswerden. Viele Unternehmen beklagen auf Anfrage fehlende Absatzmärkte für ihre WIR. In den besten Jahren verzeichnete die WIR-Bank einen Umsatz von rund 2,5 Milliarden WIR. Letztes Jahr wurden nur noch knapp 1,3 Milliarden WIR umgesetzt. Damit haben sich die Umsatzzahlen des WIR beinahe halbiert. Die Mitgliederzahl ist seit 2005 um 25 Prozent zurückgegangen. Die im Umlauf befindlichen WIR finden deshalb weniger Abnehmer.

Das macht das System tendenziell weniger attraktiv. Sogar Baugigant Implenia merkt dies: «Es sind einige Netzwerkteilnehmer ausgetreten, mit denen wir viele Geschäfte gemacht haben. Das macht uns derzeit die Abgabe von WIR deutlich schwerer.»

Vergangenen Herbst startete die Bank einen Rettungsversuch. Digitalisierung, verstärkte Werbung und neue Geschäftsbedingungen haben bisher jedoch keine Verbesserung der Lage bewirkt. Im Gegenteil: Es kam zu vielen Austritten.

WIR auf dem Graumarkt

Wer als KMU keine Absatzmärkte für seine WIR findet, verkauft sie auf dem Schwarzmarkt. Die Statuten der WIR-Bank verbieten zwar diesen Handel mit WIR, rechtlich gesehen ist er jedoch zulässig. Erich Meier aus dem Tessin ist ein WIR-Händler «Jeder, der WIR nimmt und die WIR nicht losbringt, bringt die WIR zu uns». Allerdings müssen Unternehmer erhebliche Verluste in Kauf nehmen. Für 100 WIR erhält ein Verkäufer gerade mal 65 Schweizer Franken; ein Abschlag von 35 Prozent.

Dieses Jahr hat Erich Meier besonders viele Anfragen erhalten. «1000 bis 100’000 Franken sind die Beträge, nach oben hin ist es eigentlich offen». Die WIR-Bank sieht das Problem bei den Unternehmern: «Es kann sein, dass einzelne WIR-Kunden einen Überbestand an WIR haben. Überbestand bedeutet, sie kümmern sich eigentlich nicht darum».

Austreten ist schwierig

WIR-Kunden hören diesen Vorwurf nicht gerne. Auch der Baukonzern Frutiger, immerhin die Nummer vier der Branche, hat Mühe, seine WIR loszuwerden Das Unternehmen erwägt deshalb den Ausstieg, wagt diesen Schritt gemäss Finanzchef Urs Balzli aber noch nicht: «Wir würden bei einem vollständigen Ausstieg einen Wettbewerbsnachteil erleiden, solange wichtige Mitbewerber nach wie vor WIR akzeptieren.»

Das WIR-System – einst für gemeinsames Wachstum und in Kooperation entstanden – ist eine Art Zwangssystem geworden. Die besten Zeiten hat es hinter sich.

Die WIR-Geschichte

Die WIR-Währung war einmal eine Krisenwährung. 1934 gründeten Werner Zimmermann und Paul Enz die Wirtschaftsring-Genossenschaft. Mit der Einführung eines zusätzlichen Zahlungsmittels wollten sie den Folgen der Wirtschaftskrise begegnen. Zinsfreie WIR-Guthaben sollten dafür sorgen, dass Unternehmen ihre WIR schnell wieder in den Umlauf bringen. Die Wirtschaftsring-Genossenschaft wurde wenige Jahre nach ihrer Gründung dem Bankengesetz unterstellt. Ihre zinskritische Haltung hat die WIR-Bank aufgegeben. Heute bietet sie neben den WIR auch Dienstleistungen in Schweizer Franken an.
Legende: Video WIR – Parallelwährung mit ungewisser Zukunft abspielen. Laufzeit 07:12 Minuten.
Aus ECO vom 27.11.2017.

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4 Kommentare

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  • Kommentar von Norbert Schnidrig (3646)
    Die überheblichen parfümierten WIR-Vertreter als Aushängeschild der sogenannten Bank inkl. die schlauen Administratoren geben dem Betrieb den Rest. Alle Wirler müssen zudem die teure Administration nicht mit WIR, sondern mit Franken bezahlen. Schon da besteht ein Wiederspruch. Der Genossenschaftsgedanke wurde schon vor vielen Jahren zu Grabe getragen.
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  • Kommentar von Felix Bosshardt (fbosshardt)
    WIR sei 1:1 ein Franken wurde mir schon vor 30 Jahren schön geredet. In Wahrheit ist es eine fast illiquide "Fremdwährung" die man nur mit 35% Einschlag los wird. Es macht letztlich Aufträge teurer weil jeder mit dem Anteil WIR rechnet den er in der Baubranche aufgedrückt bekommt. WIR gehört abgeschafft! 50% vom Wert in Franken umwandeln damit alle gleichgestellt sind. Sonst beissen den letzten die Hunde.
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  • Kommentar von Peter Frei (Peter Frei)
    Der Hauptgrund wird hier völlig verschwiegen! Die WIR-Bank hat letztes Jahr als erste Schweizer Bank, völlig freiwillig und unnötig, angekündigt, das Bankgeheimnis für Schweizer aufzuheben! Das wurde und wird noch vielen WIR-Kunden nicht akzeptiert und führt deshalb in Kürze zum Zusammenbruch dieser Bank. Genau deshalb habe ich das Geld der 3. Säule sofort abgezogen.
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    1. Antwort von Redaktion ECO
      Nicht ganz. Die WIR-Bank hat im Zuge der Digitalisierung die Online-Plattform WIR-Market eingeführt. Dort sind Firmen gelistet, die am WIR-Netzwerk teilnehmen – nicht aber Privatpersonen oder andere Kunden der Bank mit einem CHF-Konto. Die Aufhebung der stillen Mitgliedschaft und die Einführung der Plattform hat die Bank in ihren Geschäftsbedingungen von Herbst 2016 angekündigt. Wie im Artikel beschrieben, haben daraufhin Teilnehmer das Netzwerk verlassen.
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