«ChemChina will die Landwirtschaft in China produktiver machen»

Das Staatsunternehmen ChemChina greift nach dem Basler Agrochemiekonzern Syngenta. In China erhofft man sich dadurch, die eigene Landwirtschaft auf Vordermann zu bringen. China-Kenner Joachim Rudolf erklärt, was die Übernahme für beide Seiten bringt.

Das Firmenlogo von ChemChina an einem Gebäude.

Bildlegende: ChemChina will das schwindende Agrarland in China besser nutzen. Keystone

SRF News: Was ist das Ziel der Chinesen bei dieser Übernahme?

Joachim Rudolf: Die ChemChina verfolgt verschiedene Ziele. Eines ist jedoch sicher strategisch wichtig für China: Es betrifft die Landwirtschaft und ergibt sich aus zwei Fakten. Erstens: Die Landwirtschaft beschäftigt 30 Prozent der Leute in China, produziert aber nur 9 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Sie ist eher unproduktiv: Der Maisertrag pro Bodeneinheit ist halb so gross wie in den USA. Es sind kleine Parzellen. Auf der anderen Seite bestehen klare Ziele für Selbstversorgung und die Nahrungsqualität muss besser werden – und das alles auf immer weniger Boden, der zur Verfügung steht. Ich gehe davon aus, dass die ChemChina strategisch wichtiges Know-how nach China nehmen will, um die Landwirtschaft produktiver zu machen.

Geht es ganz konkret auch um Nahrungsmittelsicherheit in China?

Es geht um Nahrungsmittelsicherheit, Nahrungsqualität und darum, dass das schwindende Agrarland effizient genutzt werden kann. Syngenta hat schon seit vielen Jahren in China in grossem Stil Geschäfte gemacht und intensiv mit der Regierung zusammengearbeitet. Man hat nicht bloss das Saatgut verkauft, sondern die Bauern auch im Umgang damit geschult. Diese Arbeit wird sicher intensiviert werden.

«  Für die Belegschaft in der Schweiz ist diese Übernahme wahrscheinlich gut. »

Was bedeutet die Übernahme für den Standort Schweiz? Werden Stellen gestrichen?

Ich erwarte keinen grossen Stellenabbau. Die Überlappungen zwischen ChemChina und Syngenta sind, wenn sie bestehen, in China vorhanden. Für die Belegschaft in der Schweiz ist diese Übernahme wahrscheinlich gut und wird zur Stabilität beitragen. Beispielsweise haben Beobachtungen bei Übernahmen durch chinesische Käufer in Deutschland gezeigt, dass die Käufer zunächst lernen, zuschauen und häufig nicht viel ändern. Deshalb sind keine grossen Veränderungen bei Syngenta in der Schweiz zu erwarten.

«  ChemChina wird ganz sicher wichtig sein, wie diese Transaktion in der westlichen Welt wahrgenommen wird. »

Dann könnte die Übernahme also für beide Seiten positiv sein.

Für die Belegschaft in der Schweiz kann das positiv sein. Ich bin sicher, dass auch ChemChina sehr stark davon profitieren wird, weil sie jetzt offiziell das Know-how von Syngenta kauft und all diese Produkte in China einsetzen kann. Man wird auch schon sehr konkrete Vorstellungen davon haben, wie die Produkte eingesetzt werden können. Das ist ein wesentlicher Aspekt.


ChemChina und Syngenta: Für beide Seiten positiv?

3:56 min, aus SRF 4 News aktuell vom 03.02.2016

Syngenta hat vorgängig ein Übernahmeangebot von Monsanto geprüft und abgelehnt. Vielleicht war ein Grund, dass die Überlappungen mit Monsanto viel grösser und eventuell Restrukturierungsprogramme die Folge gewesen wären. Das ist bei ChemChina nicht zu erwarten.

Gibt es keine Probleme, die entstehen können?

Bei einem Kontrollwechsel einer grossen Firma wie Syngenta gibt es immer Schwierigkeiten und Herausforderungen. Man muss sich auch vor Augen halten, dass es die grösste Übernahme eines chinesischen Konzerns im Ausland ist und es wird nicht die letzte in dieser Grössenordnung sein.

Sie ist ganz sicher auf höchster Regierungsebene in China abgesegnet worden. Es geht immerhin um mehr als 40 Milliarden US-Dollar. Den Käufern wird ganz sicher wichtig sein, wie diese Transaktion in der westlichen Welt wahrgenommen wird. Insofern erwarte ich keine grossen Überraschungen oder Massnahmen, die irgendjemandem im Westen schaden. Der Käufer tätigt diese Übernahme nicht, um einen Finanzgewinn zu erwirtschaften, sondern um strategisch wichtige Produkte für China zu erwerben.

Das Gespräch führte Urs Gilgen.

Joachim Rudolf

Porträt Joachim Rudolf.

zvg

Der promovierte Betriebswirt ist Gründer des Beratungsunternehmens ChinaIntelligence mit Sitz in Zürich.

China auf Einkaufstour

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Chinesische Investoren übernehmen immer mehr Unternehmen in Europa – auch in der Schweiz. Mehr dazu hier.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • FOKUS: Chinesische Investoren auf Einkaufstour in der Schweiz

    Aus 10vor10 vom 3.2.2016

    Noch nie hat ein chinesischer Konzern für den Kauf eines Unternehmens im Ausland so viel bezahlt wie ChemChina für Syngenta. Doch schon länger sorgen chinesische Investoren in der Schweiz für Aufsehen.

  • China auf Einkaufstour weltweit

    Aus Tagesschau vom 3.2.2016

    ChemChina hat vor kurzem bereits einen Teil des Genfer Rohstoffhändlers Mercuria übernommen und den italienischen Reifenhersteller Pirelli gekauft. 2012 hat China rund 67 Milliarden Euro weltweit in Übernahmen und Projekte gesteckt.

  • Ein chinesischer Coup, als das wird die Übernahme der Syngenta in Europa gesehen.  Bild: Der chinesische ChemChina-Präsident  Ren Jianxin und Syngenta-Präsident Michel Demaré.

    China kontrolliert in Zukunft Syngenta

    Aus Echo der Zeit vom 3.2.2016

    Der Erwerb von Syngenta durch den Staatskonzern China National Chemical Corporation ist die bisher grösste Investition Chinas in ein ausländisches Unternehmen. Welchen Einfluss wird die chinesische Regierung auf die Unternehmensstrategie von Syngenta haben?

    Maren Peters und Martin Aldrovandi

  • Der Chemie-Riese ChemChina greift nach dem Schweizer Agrarchemie-Konzern Syngenta. Es dürfte die bisher teuerste Firmenübernahme werden, die die Volksrepublik China je getätigt hat.

    Syngenta - die teuerste Übernahme der Volksrepublik China

    Aus Rendez-vous vom 3.2.2016

    Nicht zum ersten Mal kauft der chinesische Staatskonzern China National Chemical Corporation ein grosses europäisches Unternehmen, auch der italienische Reifenhersteller Pirelli gehört mittlerweile ChemChina. Was ist die Strategie der Chinesen?

    Anna Lemmenmeier