Der Mindestkurs als Fitnesskur

In den Jahren des Mindestkurses haben sich Schweizer Unternehmen dem härteren Wettbewerb im Euro-Raum angepasst. Das zahlt sich heute aus – trotz Aufhebung der 1,20-Franken-Untergrenze.

Angestellter an Bildschirm

Bildlegende: Die 50 Knoepfel-Angestellten im Appenzellischen Walzenhausen produzieren hochpräzis geschliffene Teile. SRF

Für Nationalbankpräsident Thomas Jordan zeige sich die Schweizer Wirtschaft heute in guter Verfassung, verkündete er vergangene Woche bei der Aufhebung des Mindestkurses. In besserer Verfassung jedenfalls, als bei der Einführung des Mindestkurses 2011. Damals kam die Wirtschaft aus der Finanzkrise, und dem Franken drohte eine massive Aufwertung. Heute verweist SNB-Präsident Jordan auf die guten Exportzahlen, das Wirtschaftswachstum und die Beschäftigungszahlen.

Geradezu irritierend wirkte daher der Aufschrei von Seiten der Uhrenindustrie, als Thomas Jordan am 15. Januar die Abschaffung des Mindestkurses zum Euro bekannt gab. Kein anderer Industriesektor hatte seit 2011 mehr Arbeitsplätze geschaffen als die Uhrenbranche.

Günstiger und innovativer

Die Statistiken jedenfalls scheinen Thomas Jordan Recht zu geben. Tatsächlich haben Schweizer Unternehmen in den vergangenen dreieinhalb Jahren enorme Anpassungsleistungen unternommen, um bei einem Kurs von 1,20 Franken konkurrenzfähig zu bleiben. Für Rudolf Minsch, Chefökonom der Economiesuisse, dem Verband der Schweizer Unternehmen, ergriffen die Betriebe vor allem zwei Massnahmen: «Kostensenkungsprogramme und Investitionen in Innovationen.»

Gleichzeitig macht Rudolf Minsch klar, dass dieser Anpassungsprozess nicht endlos möglich sei: «Mit einem Wechselkurs von 1,15 Franken können die Unternehmen leben. Geht es Richtung Parität zum Euro, so wird es enorm schwierig.“

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Rudolf Minsch über den Zustand der Schweizer Unternehmen

0:51 min, vom 19.1.2015

Doch der Euro-Kurs ist gegenwärtig nicht das grösste Problem mancher Industrie-Betriebe. Der Aufschwung in den vergangenen dreieinhalb Jahren führte zu anderen Schwierigkeiten: «Neben der Euro-Schwäche macht uns der Fachkräftemangel weit mehr zu schaffen», sagt Knoepfel-Chef Rene Thoma. «Wir suchen gute Polymechaniker, und die sind rar in der heutigen Zeit.» So bleibt dem Unternehmen nichts anderes übrig als die Fachkräfte selber auszubilden. Die 50 Angestellten im Appenzellischen Walzenhausen produzieren hochpräzis geschliffene Teile, sei es für Werkzeugmaschinen oder Kampfflugzeuge. Ein Viertel des Umsatzes erzielt Knoepfel im Euro-Raum.

In den Jahren des Mindestkurses investierte Knoepfel laufend in die Automatisierung der Produktion, gleichzeitig stieg die Zahl der Mitarbeiter. Heute laufen die Maschinen rund um die Uhr, sieben Tage die Woche. Also auch nachts, wenn das Personal zuhause schläft. «Die plötzliche Aufhebung des Mindestkurses hat uns überrascht», sagt Rene Thoma, «doch wir haben uns in den letzten Jahren darauf vorbereitet.»

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • «ECO»-Debatte: Weshalb macht die Wirtschaft nicht mehr?

    Aus ECO vom 19.1.2015

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