Hungriger Detail-Riese Die «Krake Migros» greift um sich

  • Schulen, Fitness- und Gesundheitscenter, Fast-Food-Ketten, Onlinehandel: Der Detailhändler Migros dringt in immer mehr Geschäftsfelder vor.
  • In Volketswil bei Zürich eröffnete die Migros nun die erste Filiale, wo Velos verkauft und repariert werden.
  • Geplant sind weitere Filialen, bis in fünf Jahren in der ganzen Schweiz. Die kleinen Schweizer Velohändler fürchten um ihre Existenz.

Peter Sommer ist Präsident des Schweizerischen Zweiradgewerbes, und dass die Migros den Velofachhandel einsteigt, bereitet ihm Sorgen: «Für uns ist das eine mittlere bis grössere Katastrophe». Sommer fürchtet, dass die kleinen Veloladen-Besitzer aus dem Markt gedrängt werden könnten.

Noch haben sie einen Marktanteil von 80 Prozent, in Zukunft aber könnte sich dieser markant reduzieren. Vor allem für kleine Ein- bis Fünf-Mann-Betriebe sieht er schwarz. Deren Besitzer seien oft schon älter und hätten keine Perspektiven mehr, wenn sie ihren Laden dicht machen müssten.

Bleiben nur noch die Krümel für die Kleinen?

Christoph Lechner, Professor für Strategisches Management an der Universität St. Gallen, kann die Verärgerung der kleinen Velofachhändler verstehen. Wenn die Migros in einem Dorf gegen einen Fachhändler antrete, habe der auf Dauer keine Chance:

«  Er hat vielleicht ein, zwei Marken im Sortiment – die Migros wird wohl mit deutlich mehr kommen. Beim Einkauf wird er kaum solche Reduktionen bekommen, wie die Migros. »

Christoph Lechner
Professor für Strategisches Management an der Universität St. Gallen

Schliesslich habe der Detailriese auch einen gewaltigen Vorsprung, wenn es um das Know-how gehe, schliesst Lechner.

Hansdampf in allen Verkaufsgassen

Bei der Migros hingegen heisst es, es gebe genügend Platz für alle. Mediensprecherin Monika Weibel sagt, der Markt sei für alle gross genug: «Auch in Zukunft ist genügend Potenzial für Fachhändler jeder Grösse: vom Ein-Mann-Betrieb bis zu uns als umfassendem Komplettanbieter.»

Dass die Migros in neue Geschäftsfelder drängt, ist nicht neu.
Lechner von der Universität Lechner erklärt den Hintergrund der Expansion: «Die Migros habe jedes Jahr rund 600 bis 800 Millionen Schweizer Franken übrig, müsse aber als Genossenschaft keine Aktionäre abgelten, sondern könne das Geld anlegen.

Dazu kommt: «Wenn man im Kerngeschäft voll ausgelastet ist, geht man natürlich in neue Geschäftsbereiche hinein.» Weil die Migros im Ausland nicht erfolgreich war, breite sie sich nun im Inland immer weiter aus.

Alternativloses Wachstum?

Doch muss die Migros als Genossenschaft um jeden Preis wachsen und dem lokalen Gewerbe die Existenz streitig machen, wie nun etwa den Velo-Händlern? «Sie müsste nicht unbedingt in diese Märkte. Die Migros würde dann eben als Konzern stagnieren und eine immer grössere Kapitalbasis aufbauen, die jedes Jahr um 700 bis 800 Millionen Franken steigen würde.»

Doch die Migros hat sich offenbar anders entschieden. Sie wollte sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht zur Expansionsstrategie äussern.

Weko beobachtet Situation

Bei der Wettbewerbskommission Weko heisst es, man beobachte die Situation. Allerdings, sagt Sprecher Patrik Ducrey, «mit dem Kartellgesetz können wir solches organisches Wachstum der Migros nicht kontrollieren.»

Man könne nur einschreiten, wenn die Migros eine Übernahme eines bislang unabhängigen Unternehmens tätigen würde: «Und dabei die Umsatzschwellen überschritten, die im Kartellgesetz vorgesehen sind», sagt Ducrey.

Für die kleinen Velohändler bedeutet das: Sie müssen sich gegen die neue Konkurrenz behaupten und hoffen, dass ihnen die Kunden treu bleiben.