Die Rückkehr des verlorenen Sohnes

Vor 13 Jahren rettete Peter Voser als Finanzchef die ABB vor dem Bankrott. Nun, ein Jahrzehnt nach seinem Abgang kehrt er als deren frisch gewählter Verwaltungsratspräsident zurück. SRF Börse hat ihn zu seinen Plänen für den Konzern befragt.

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Voser in SRF Börse

1:39 min, aus SRF Börse vom 30.4.2015

Bei alteingesessenen Mitarbeitern der ABB geniesst er Heldenstatus. Peter Voser, der Mann, welcher den Badener Konzern 2002 als Finanzchef vor dem Untergang bewahrte. Bei seiner Rückkehr wartet bei der ABB aber keine Krise auf ihn. Zwar gilt es, das Geschäft mit Energiesystemen zu sanieren und den Aktienkurs nach Jahren voranzubringen. Doch im Vergleich mit der Situation vor 13 Jahren droht ihm diesmal veritable Langeweile.

Als er 2008 zum Konzernchef von Shell berufen wurde, sagte er in einem Interview: «Krisen ziehen mich an. Ich brauche turbulente Zeiten, um mich zu entfalten». Doch wie es scheint ist der 56-jährige nicht mehr nur an Krisen interessiert. Anfang des letzten Jahres trat er als Shell-Chef zurück. Er wünsche sich mehr Zeit für seine Familie und sein Privatleben, sagte er damals. Ein Verwaltungsratspräsidium bei der ABB dürfte ihn zwar auf Trab halten, ihm aber trotzdem auch gewünschte Freiheiten lassen.

Für Peter Voser ist die Rückkehr zur ABB nicht nur aufgrund seiner eigenen Vergangenheit eine emotionale Angelegenheit. Vosers sind eine ABB-Familie. Peter Vosers Vater arbeitete als Montagechef bei BBC – der Vorgängerfirma der ABB – genauso wie die Eltern seiner Frau. Mit seiner heutigen Ernennung sitzt auch wieder ein Schweizer im Verwaltungsrat von ABB – so wie es der abtretende Präsident Hubertus von Grünberg an der letztjährigen Generalversammlung versprochen hatte.

Am Rande der ABB-Generalversammlung konnte SRF Börse Peter Voser zu seinen Plänen befragen:

SRF Börse: Herr Voser, sie sind der neue Verwaltungsratspräsident der ABB. Was reizt sie an der Aufgabe?

Peter Voser: Es ist ein Schweizer Unternehmen, das auf globaler Basis führende Produkte anbietet. Es basiert auf Innovation und Technologie. Da kann ich meine gesammelten Erfahrungen aus dem Weltkonzern Shell miteinbringen. Ich will vor allem die Firma für die langfristige Zukunft gut aufstellen.

Sie sind vor 10 Jahren weggegangen. Arbeiteten dann bei Shell... Was hat sich verändert?

Das ist viel zu früh. Ich muss das Unternehmen erst wieder kennenlernen. Es hat sich natürlich in den letzten zehn Jahren verändert und den Umsatz mehr als verdoppelt. Ich werde mir nun in den nächsten Monaten vornehmen, die Firma wieder weltweit kennenzulernen.

Sie haben in der Öffentlichkeit das Image eines Sanierers. Nun steht die ABB aber gut da. Werden sie sich langweilen?

Ich glaube nicht, dass ich mich langweilen werde. Wie gesagt, die Firma ist gut aufgestellt, da gibt es aber auch immer wieder viel zu tun. Sanieren und Troubleshooting ist eines der Dinge, die ich hier gemacht habe, aber ich bin auch daran interessiert, technologisch führende Unternehmen langfristig richtig aufzustellen. Auf diese Aufgabe freue ich mich.

Sie kommen jetzt aus der Ölbranche. Der Ölpreis sinkt, die Unternehmen haben nicht mehr viel Geld. Die ABB verdient ihr Geld unter anderem in dieser Branche. Wie soll das nun gehen?

Ich glaube, man muss da etwas makroökonomisch denken. Die Welt wird immer Energie brauchen. Das wird Öl, Gas und auch erneuerbare Energien beinhalten. Der Ölpreis ist im Moment tief, langfristig wird er wahrscheinlich wieder höher werden. Das wird der ABB dann helfen, wieder mehr Bestellungen und Umsatz zu erzielen. Wir sind aber nicht nur auf die Öl- und Gasindustrie angewiesen. Wir sind in anderen Branchen aktiv, die im Moment wesentlich besser laufen, und da haben wir unsere Produkte und Dienstleistungen, die wir in den Markt hineinbringen können.

An der heutigen Generalversammlung haben einige Aktionäre die stagnierenden Aktienkurse beklagt. Was können sie den Aktionären in dieser Hinsicht versprechen?

Ich kann nur versprechen, dass wir eine Truppe um CEO Ulrich Spiesshofer haben, die jeden Tag ihr bestes gibt und langfristigen Erfolg bringen wird. Unsere Strategien müssen nun umgesetzt werden, dann wird der Finanzmarkt auch wieder den wahren Wert der ABB erkennen. Die Hausaufgaben sind uns allen klar.

Das Interview führte Martin Stucki.

Sendebezug: SRF Börse vom 30.4.2015