EZB: Draghis Geldpolitik verpufft

Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank, schafft es nicht, die Wirtschaft anzukurbeln. Der Grund dafür ist einfach: Europas Mittelständler seien zu abhängig von Bankkrediten, sagt Princeton-Professor Markus Brunnermeier. Er fordert einen Kapitalmarkt für Mittelständler.

Mario Draghi in Nahaufnahme

Bildlegende: Auf der Suche nach dem richtigen Instrument: Seit November 2011 ist Mario Draghi Präsident der EZB. Reuters

Wieder eine Negativ-Meldung vom Euro: Heute fiel er im fernöstlichen Devisenhandel vorübergehend auf den niedrigsten Stand zum Dollar seit fast neun Jahren. Dies, nachdem EZB-Chef Mario Draghi nach Weihnachten in einem Interview den Weg für den Kauf von Staatsanleihen bereitet hatte.

Europas Wirtschaft kommt nicht in Schwung – ganz gleich, wie viel Liquidität Mario Draghi in den Markt pumpt. Dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank gehen langsam die Instrumente aus. Die Zinsschraube hat er schon komplett gelockert, die Zinsen liegen in Euro-Land bei 0,05 Prozent.

Davon haben vor allem Banken, Grosskonzerne und Staaten profitiert; die Banken konnten sich bei der EZB günstig refinanzieren, die übrigen haben sich am Kapitalmarkt billiges Geld beschafft. Das Gros der Wirtschaft aber, die vielen mittelständischen Unternehmen, sind kaum in den Genuss dieser niedrigen Zinsen gekommen. Sie finanzieren sich vor allem via Banken, nicht via Anleihen.

Mittelständler hängen zu stark von Bankkrediten ab

Für Princeton-Professor Markus Brunnermeier ist es nicht überraschend, dass die lockere Geldpolitik in den USA die Wirtschaft angekurbelt hat, in Europa dagegen weitestgehend verpufft. «Die Wirtschaft kommt nicht in Gang, weil Mittelständler davon abhängen, dass Banken die günstige Refinanzierung an Mittelständler weitergeben. Das haben sie nicht gemacht. Das Kreditwachstum ist immer noch sehr niedrig. Und es geht zurück», so der Geldpolitik-Spezialist.

EZB-Gebäude von aussen

Bildlegende: Hauptsitz in Frankfurt. Die EZB hat sich erst kürzlich ein neues Kleid gegeben. SRF

Ben Bernanke, ehemaliger Chef der US-Notenbank FED, holte den Deutschen an die Elite-Universität, um als Teil einer Forschungsgruppe über die Wirkung von Geldpolitik auf die Realwirtschaft zu forschen. Brunnermeiers Fazit zur bisherigen Krisenarbeit Mario Draghis: «Die EZB hat den Euro zusammengehalten. Aber die Massnahmen haben nicht dazu geführt, das Wachstum wieder zu stimulieren.»

Banken geben Kreditrisiken an EZB weiter

So haben zusätzliche günstige Kreditlinien der EZB die Banken nicht dazu gebracht, mehr Kredite zu geben. Die meisten Banken legen das Geld lieber wieder bei der EZB verzinst an.

Umgehende Antwort der EZB: Negativzinsen. Banken, die Geld anlegen statt es in Umlauf zu bringen, müssen Strafzinsen zahlen. Ende vergangenen Jahres kam ein weiteres Instrument hinzu: Neuerdings kauft die EZB den Banken deren Firmen- und Konsumkredite gebündelt ab. So wandert das Kreditrisiko zur EZB. Und die Banken könnten neue Kredite vergeben.

Direkter Zugang zu Kapital – ohne Banken

Theoretisch zumindest. Praktisch dürfte ein weiteres Mal die Wirkung verpuffen. Denn vom Ankauf dieser sogenannten Kreditschuldverschreibungen profitierten wieder nur die Banken, die ihre Altlasten zur EZB transferieren könnten, prophezeit Markus Brunnermeier.

Der Princeton-Ökonom schlägt eine Lösung vor, die längerfristig helfen könnte, die europäische Wirtschaft unabhängiger von ihren Banken zu machen: «Man sollte es als Chance sehen, einen Kapitalmarkt zu etablieren, der auch KMU hilft, Zugang zu billigeren Finanzierungen zu finden.»

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Die verzweifelte Suche der EZB nach dem richtigen Werkzeug

    Aus ECO vom 5.1.2015

    Das wichtigste Werkzeug der Europäischen Zentralbank, der Leitzins, zeigt keine Wirkung mehr. Seit 2011 sinken die Preise in der Euro-Zone, obschon EZB-Chef Mario Draghi die Zinsen Mal für Mal gesenkt hat. Nun versucht er mit gröberen Werkzeugen, die Wirtschaft in Schwung zu bringen und der Deflationsgefahr zu begegnen. Nur greifen auch diese zu kurz, sagt der Princeton-Ökonom Markus Brunnermeier. Dazu die Einschätzung von SNB-Präsident Thomas Jordan zur schwierigen Lage in Europa.

    Mehr zum Thema

  • Händler begründen den aktuellen Kursverlust mit der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank.

    Anhaltendes Euro-Tief

    Aus Rendez-vous vom 5.1.2015

    In den ersten Handelsstunden des neuen Jahres ist der Euro gegenüber dem Dollar auf den tiefsten Stand seit März 2006 gesunken; auch gegenüber dem Franken hat er an Wert verloren. Was sind die Gründe?

    Klaus Bonanomi