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Fire & Hire auf dem Bau Sparen auf dem Buckel der Ü50?

Ältere Bauarbeiter werden entlassen und später temporär wieder eingestellt. Die Vorwürfe der Gewerkschaften sind offenbar nicht aus der Luft gegriffen.

Legende: Audio Werden ältere Bauarbeiter systematisch ausgenutzt? abspielen. Laufzeit 05:50 Minuten.
05:50 min, aus Rendez-vous vom 14.06.2018.

Die Gewerkschaften werfen den Baumeistern vor, gezielt ältere Arbeiter zu entlassen und sie später zu schlechteren Bedingungen wieder temporär einzustellen. Den Betroffenen – oftmals Ausländer oder Schweizer mit ausländischen Wurzeln – bleibt meist nicht viel anderes übrig, als das schlechtere Angebot des Arbeitgebers anzunehmen. Nur so können sie dereinst auf eine Rente hoffen, mit der sie nach der Pensionierung einigermassen leben können.

Ü50 vermehrt temporär angestellt

Tatsächlich stieg beim Bau der Bestand an Temporärarbeitern im Alter von über 50 Jahren im Jahr 2016 um 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dies zeigen die Zahlen in einem vertraulichen Gutachten zuhanden der Baubranche, das SRF vorliegt. Die Zunahme an Temporärangestellten unter den älteren Arbeitern war damit deutlich stärker als in den jüngeren Alterskategorien. Ältere Zahlen des Arbeitgeberverbands Swissstaffing zeigen, dass diese Entwicklung bereits seit 2010 im Gang ist – wenn auch noch nicht im selben Ausmass.

Sie müssen in teilweise sehr unwürdigen Verhältnissen bis zur Pensionierung weiterarbeiten.
Autor: Nico LutzLeiter Sektor Bau bei der Gewerkschaft Unia

Gewerkschaftsvertreter Nico Lutz fühlt sich von diesen Zahlen bestätigt. Man habe Kenntnis von zahlreichen solchen Fällen. «Sie werden mit 50 oder 55 nach vielen Jahren in der gleichen Firma entlassen», sagt er. Die Betroffenen müssten dann die Jahre bis zur Pensionierung teilweise in «sehr unwürdigen» Verhältnissen weiterarbeiten. «Das ist sehr hart für die Betroffenen.»

Keine sichere Stelle mehr

Unwürdig deshalb, weil Temporärangestellte innert weniger Tage entlassen werden können. Deshalb schwebt stets das Damoklesschwert einer Kündigung über ihnen. Ausserdem verdienen Temporäre weniger als Festangestellte. Auch würden Temporärangestellte kaum während zwölf Monaten im Jahr beschäftigt, weiss Gewerkschafter Lutz. Im Sommer hätten sie meist Arbeit, im Winter aber müssten viele stempeln gehen. Dadurch komme es zu grossen Beitragslücken, was später eine Frühpensionierung verunmögliche.

Die Möglichkeit einer Früh- und Übergangsrente ab 60 Jahren bis zum ordentlichen Pensionsalter sieht der Gesamtarbeitsvertrag vor, der im Bauhauptgewerbe gilt. Angestellte erhalten diese Rente aber nur dann, wenn sie in den letzten sieben Jahren während maximal zweier Jahre arbeitslos waren. Diese zwei Jahre seien mit den arbeitsfreien Wintermonaten schnell einmal erreicht, sagt Lutz.

Baumeister brauchen flexible Arbeitskräfte

Auch beim Baumeisterverband geben die Zahlen zu reden. Zwar weiss auch Mediensprecher Matthias Engel nicht, warum der Bestand an Temporärarbeitern bei den Ü50 überdurchschnittlich stark wächst. Er nennt aber Faktoren, die für diesen Trend mitverantwortlich seien. Dass ältere Arbeitslose häufig nur eine Temporärstelle angeboten bekommen und keine Festanstellung, habe mit strengen rechtlichen Vorgaben zu tun, sagt er.

Der Bau ist eine Branche, in der man sehr flexibel sein muss.
Autor: Matthias EngelMediensprecher Baumeisterverband

So dauere die Kündigungsfrist bei älteren Arbeitnehmern doppelt so lange wie bei jüngeren. Auch müsse einem Bauarbeiter auf Arbeitssuche derselbe Mindestlohn bezahlt werden, den er bei seiner letzten Tätigkeit auf dem Bau hatte – auch wenn das mehrere Jahre her sei und er andere Aufgaben gehabt habe, sagt der Mediensprecher der Baumeister.

Grosser Zeitdruck auf dem Bau

Von einer systematischen Diskriminierung der älteren Angestellten auf dem Bau will Engel aber nicht reden. Dass die Temporärarbeit auf dem Bau ganz allgemein zunehme, habe vor allem mit dem Zeitdruck zu tun, der auf den Unternehmen laste. «Die Aufträge müssen schnell und zu bestimmten Jahreszeiten ausgeführt werden», sagt er. Um dies leisten und mit grossen – auch ausländischen – Unternehmen konkurrieren zu können, müssten sich lokale KMU in der Baubranche punktuell verstärken können. Sie müssten also temporär Leute einstellen, wenn für sie Bedarf sei.

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13 Kommentare

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  • Kommentar von marlene Zelger (Marlene Zelger)
    Eine Initiative zum Schutz der ü50 drängt sich auf. Diese Leute müssen genau gleich wie Flüchtlinge und Behinderte wertgeschätzt und behandelt werden. Sie dürfen nicht diskriminiert werden.
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    1. Antwort von W. Pip (W. Pip)
      Wir brauchen endlich einen gescheiten Kündigungsschutz für Arbeitnehmer ab... sagen wir...55. Denn: Von einer systematischen Diskriminierung der älteren reden tut kein Arbeitgeber, aber alle tun es. Auch im Dienstleistungssektor ist diese Unart weit verbreitet. Junge, Grenzgänger oder Zugewanderte machen es billiger und sind weniger kritisch (was das Umsetzen hilfloser Aktionen im Digitalisierungszeitalter und somit die bonusrelevante Zielerreichung einfacher für das Management macht).
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  • Kommentar von Nicolas Dudle (Nicolas Dudle)
    Wir sehen hier eine Kopie der deutschen Vorlage mit den befristeten Anstellungen. Wenn möglich, sichert man sich noch einen "Pflanzblätz" bzw. Schrebergarten, wo man noch ein paar Kartoffeln, Tomaten und etwas Gemüse anbauen kann. - Trotz sich in Deutschland klar verschärfendem Problem mit der Altersarmut laufen wir in dieselbe Mausefalle, sobald sich andere Industrie- und Dienstleistungszweige ähnlich verhalten. - Gut, bin ich nicht 20 Jahre jünger...
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  • Kommentar von Beat Reuteler (br)
    Wenn Flexibilität das Thema ist, dann soll der Tatbeweis her: Flexibilität hat einen Wert, also hat sie auch einen Preis. Dieser kann auf verschiedene Weise ausgehandelt werden: Beispielsweise eine hohe Urlaubsprämie für Temporärmitarbeiter, die ein Einkommen in den Wintermonaten teilweise ersetzt. Wenn die Arbeitgeberseite das oder etwas vergleichbares nicht umsetzt, muss der Gesetzgeber sie zwingen. Dies muss dann auch für ausländische Mitbewerber auf dem hiesigen Markt obligatorisch sein.
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    1. Antwort von Nicolas Dudle (Nicolas Dudle)
      Können Sie sich das beim CH-Gesetzgeber, dem Parlament, wirklich vorstellen? Würde Ihr Vorschlag vielleicht im Ständerat noch Gehör finden, würde er im Nationalrat abgeschmettert. Die FDP würde sich m.E. klar dagegen stellen, die SVP Ihnen dabei nicht entgegenkommen.
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