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Wirtschaft Forschung könnte Schweiz den Rücken kehren

Auf dem Globalen Innovationsindex 2016 sieht alles rosig aus: Die Schweiz ist das innovativste Land der Welt, noch vor Schweden, Grossbritannien, den USA, Finnland und Singapur. Dennoch geht die Sorge um, dass Unternehmen künftig mehr im Ausland forschen könnten. Ist die Sorge berechtigt?

Eine Frau in blauem Schutzanzug und Mundschutz und Gummihandschuhen an einer Maschine.
Legende: Industrielle Prozesse werden schon länger ausgelagert. Nun sind die Forschungslabore an der Reihe. Keystone

Die Meldungen von Unternehmen, die künftig verstärkt im Ausland forschen wollen, springen ins Auge. Christof Burkard, stellvertretender Geschäftsführer des Verbandes Angestellte Schweiz, nennt sofort mehrere Beispiele: «Ein wichtiges ist jüngst Bernafon, eine schwarze Zahlen schreibende, funktionierende, wachsende Unternehmung.» Ein anderes Beispiel sei die Mitel AG in Solothurn: «Auch die haben noch in diesem Jahr einen Teil der Forschungsabteilung nach Indien verlegt.»

Der Berner Hörgerätehersteller Bernafon und das Solothurner Telekomunternehmen gehören ausländischen Konzernen. Solche Meldungen seien kein Zufall: «Das ist ein wenig typisch. Wenn Schweizer Forschungsabteilungen in ausländische Unternehmungen eingegliedert sind, haben sie es aufgrund der feststellbaren höheren Kostensätze schwer, sich innerhalb des Konzerns zu behaupten.»

Standort Schweiz «nicht bei den Gewinnern»

Die Verlagerung von Forschungsplätzen sei eine neuere Entwicklung, sagt Burkard, der vor allem Angestellte aus der Industrie, der Chemie- und der Pharmabranche vertritt. Diese Entwicklung bestätigt auch Beat Hotz-Hart. Der emeritierte Wirtschaftsprofessor der Universität Zürich und frühere Vizedirektor für Berufsbildung und Technologie beim Bund macht sich entsprechend Sorgen um den Forschungsstandort Schweiz.

«Es ist relativ gefährlich. Weil es ein schleichender Prozess ist, sind sich viele Leute, auch Politiker, nicht bewusst, was hier eigentlich abläuft.» Es sei ein schleichender Prozess, weil es nicht reihenweise grosse Schlagzeilen von Stellenverlagerungen gibt, die die Politik wachrütteln könnten, so Hotz-Hart. «Es ist denn auch weniger ein Abbau am Standort Schweiz, als ein Aufbau von neuen Aktivitäten an ausländischen Standorten. Es ist also nicht so, dass wir bestraft werden durch den Abbau, sondern wir sind nicht bei den Gewinnern beim Aufbau in neuen Gebieten.»

Verlagern der Forschung statt neu aufbauen

Das zeigt auch der Blick in die Statistik: Gerade grosse, exportorientierte Firmen investieren mittlerweile gut jeden zweiten Franken ihrer Forschungsgelder im Ausland, sagt Martin Wörter von der ETH-Konjunkturforschungsstelle KOF: «Wir sehen es in der Statistik, dass im Ausland bereits Bestehendes vielleicht etwas ausgebaut wird. Was ich allerdings nicht glaube, ist, das Firmen jetzt neu anfangen, Forschung und Entwicklung im Ausland aufzubauen.» Das sei für viele kleine Schweizer Unternehmen schlicht zu aufwändig, zu teuer und zu riskant.

Es gibt verschiedene Gründe, warum Unternehmen Forschungsplätze lieber im Ausland ansiedeln. Oft wird mit den hohen Kosten in der Schweiz argumentiert. Doch das ist laut Hotz-Hart höchstens die halbe Wahrheit: «Wenn gute Forschung geleistet wird, ist das für einen Konzern auch kein Kostenfaktor. Es geht um neues Wissen und Innovationen. Damit kann man auch wirtschaftlichen Erfolg erzielen.»

Damoklesschwert: Ausschluss von Horizon 2020

Wichtiger als der starke Franken ist laut Hotz-Hart der Zugang zu guten Forschern und Forschungsprogrammen. Mit Blick auf die jüngsten politischen Entscheide fürchtet der Experte, dass sich die Schweiz von der Aussenwelt abschottet. Den Anschluss ans EU-Forschungsprogramm Horizon 2020 droht die Schweiz ab 2017 zu verlieren, und im Zug der Zuwanderungs-Initiative fällt es Konzernen bereits heute schwerer, genügend ausländische Spitzenforscher zu bekommen.

Darüber hat sich jüngst Roche-Chef Severin Schwan öffentlich beklagt. Er, der eines der weltweit forschungsintensivsten Unternehmen leitet und seine Schweizer Labors laufend ausbaut, ist auf ausländische Forscher angewiesen. Die Sorgen um den Forschungsstandort Schweiz sind also vielfältig – auch wenn sich die Schweiz in der internationalen Innovations-Rangliste noch immer an der Spitze hält.

21 Kommentare

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  • Kommentar von Manuela Fitzi (Mano)
    Wie viele Forscher will denn Roche jedes Jahr neu vom Ausland holen? 10o.100? Mehr wohl nicht. Für die kann der Kanton locker die nötigen Kontingente reservieren. Übrigens: in Indien gilt weder PFZ, noch ist das Land Mitglied von Horizon2020. Indien ist demnach aus anderen Gründen für Firmen attraktiv. Also was soll die Verknüpfung mit der Zuwanderungseinschränkung? Die Manipulationswille ist derart sichtbar, kann diesen Artikel gar nicht ernst nehmen.
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  • Kommentar von Hans-Jürgen Lorenz (Hans-Jürgen Lorenz)
    Forscher kommen nicht mehr in die Schweiz, der schleichende Exodus hat schon angefangen.Und die EU dankt der Schweiz, dass sie zielgerichtet dafür gesorgt hat, dass andere Europa Institute jetzt den Aufschwung in der EU zielgerichtet unterstützen dürfen. Dass Horizon 2020 für die Schweiz gelaufen ist, hat anscheinend nur die Schweiz nicht wahrgenommen.
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  • Kommentar von A Züger (zua)
    Zu Horizon2020: Forschungsgelder der Staaten gehen zentralistisch nach EU-Brussel, nachdem EU-Beamten 15% davon für ihren Apparat abgeschöpft haben, geht Rest an Projekte, die sie nach politischen Vorgaben der EU-Kommission verteilen. 40% geht in Projekte zu "gesellschaftlichen Herausforderungen", nur 30% geht in das, was man hinlänglich als Forschung versteht, übrige 15% an KMU-Projekte, allerdings dauert es 2.5-4 Jahre, bis so ein Projekt läuft. Welche KMU kann sich solche Bürokratie leisten?
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