Für Zeitung «Le Temps» liegt Angebot auf dem Tisch

Die Genfer Zeitung «Le Temps» soll verkauft werden. Das haben die Eigentümer Ringier und Tamedia letzten Herbst angekündigt. Nun haben prominente Unterstützer ein Kaufangebot gemacht. Ziel ist es, das Blatt zu retten und in eine digitale Zukunft zu führen.

Die Zeitung «Le Temps» wird von ihren Besitzern, den Medienhäusern Ringier und Tamedia, zum Verkauf angeboten. Rund 700 Personen setzen sich für den Fortbestand der Genfer Tageszeitung ein. Zu den Unterstützern gehören die Alt-Bundesräte Pascal Couchepin und Micheline Calmy-Rey sowie mehrere Regierungsräte und Kunstschaffende.

«Le Temps» sei «schlicht und einfach» die einzige überregionale Qualitätszeitung, erklärt Westschweiz-Korrespondent Thomas Gutersohn das Engagement der Unterstützungsgruppe «Cercle des Amis du Temps». Sie werde häufig «die NZZ der Romandie» genannt.

«Die Ankündigung im letzten Oktober, dass «Le Temps» verkauft werden sollte, war ein Schock für die Elite in der Westschweiz», so Gutersohn. Es sei eine Zeitung, die hauptsächlich von der Wirtschafts- und Politikelite gelesen werde. Dies erkläre das moralische Engagement dieser 700 mehr oder weniger prominenten Persönlichkeiten aus der Westschweiz.

Reicher Hauptaktionär des «Cercle des Amis du Temps»

Wie viel Geld der «Cercle des Amis» in die Hand nehmen wird, ist nicht bekannt. Hingegen weiss man nun, wer als Hauptinvestor hinter den Unterstützern steht: Es ist der 84-jährige Edgar de Picciotto. Er ist Firmengründer, Hauptaktionär und Verwaltungsratspräsident der Union Bancaire Privée, einer Genfer Privatbank mit einem geschätzten Kundenvermögen von 81 Milliarden Franken.

«Picciotto führt die Bank wie ein Familienunternehmen», erklärt Gutersohn. Sein persönliches Vermögen wird gemäss der Forbes-Liste auf knappe 2 Milliarden Franken geschätzt. Picciotto gelte als Mäzen in Genf. Sicher auch aus dem Gedankengut des Mäzenatentums wolle er die Zeitung «Le Temps» finanziell unterstützen, glaubt Gutersohn. Picciotto ist der Hauptaktionär des «Cercle des Amis», aber nicht der einzige.

Eine Frau (unscharf im Hintergrund) liest die Zeitung Le Temps, die Titelseite gegen die Kamera gerichtet.

Bildlegende: Der Freundeskreis der Zeitung Le Temps hat ein seriöses Rettungsangebot gemacht. Keystone

Blick in die Karten unmöglich

Wie realistisch es ist, dass die Eigentümer Tamedia und Ringier auf das Kaufangebot eingehen, kann Gutersohn nicht abschätzen. «Dafür müsste man wissen, wie hoch dieses Angebot ausgefallen ist.» Tamedia und Ringier und auch der «Cercle des Amis» lassen sich nicht in die Karten schauen. Bekannt sei nur, dass Tamedia und Ringier etwa 20 Millionen für die Zeitung wollen.

Das hat damit zu tun, dass Tamedia 2009 etwa 18 Millionen Franken für den Kauf des Verlagshauses Edipresse bezahlt hatte. Und nun möchte man mit dem Verkauf der Zeitung «Le Temps», die zu diesem Verlagshaus gehörte, diese Investition wieder zurückholen.

Deal wäre «ein gutes Zeichen für die Romandie»

«Ich glaube nicht, dass diese Investoren jetzt so viel Geld in die Hand genommen haben», sagt Gutersohn. Verschiedene Experten schätzen den Wert der Zeitung auf nur 8 Millionen Franken. Das Angebot des «Cercle des Amis du Temps» wird wohl irgendwo dazwischen liegen. Tamedia und Riniger wollen das Angebot nun studieren und dann zu gegebenem Zeitpunkt kommunizieren.

Käme der Deal zustande, «wäre das definitiv ein gutes Zeichen» für die Medienlandschaft der Romandie, so Gutersohn. Der «Cercle des Amis» wolle die Zeitung weiterentwickeln und weiter digitalisieren.

Dennoch solle nicht auf die Zeitungsausgabe auf Papier verzichtet werden. Ein Deal wäre laut Gutersohn auch ein wichtiger Entscheid für die Medienvielfalt in der Romandie – und in der Deutschschweiz: «Le Temps» sei die einzige Westschweizer Zeitung, die gelegentlich auch in der Deutschschweiz gelesen werde.