Griechenland am Tropf von Schweizer Blutspendern

Wegen nicht bezahlter Rechnungen reduziert das Rote Kreuz die Blutlieferungen nach Griechenland, auf die viele Griechen dringend angewiesen sind. Weil ihr Gesundheitssystem am Anschlag ist, müssen sich die Patienten selbst auf die Suche nach Blut machen.

Blutkonserven in einer Schublade

Bildlegende: Schweizer Lieferungen werden zurückgefahren. Griechenland befürchtet erhebliche Engpässe bei Blutkonserven. SRF

Rund 340‘000 Mal wird in der Schweiz pro Jahr Blut gespendet – doch nicht alle Spenden fliessen zu Patienten in Schweizer Spitälern. Rund ein Zehntel wird als strategische Notfallreserve gelagert und oft nicht benötigt. Bevor es unbrauchbar wird, verkauft es der Blutspendedienst des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) – nach Griechenland. Fast 200 Franken pro Beutel erzielt das SRK damit; 5 Millionen Franken jährlich. Gewinn möchte der Blutspendedienst damit jedoch keinen erzielen, die Einnahmen decken lediglich die Aufwände für Laboruntersuchungen und den Transport.

Das in Europa einmalige Abkommen zwischen der Schweiz und Griechenland existiert seit über 30 Jahren. Griechische Krankenhäuser erhalten 30‘000 Blutbeutel pro Jahr. Nun will die Schweiz die Liefermenge gestaffelt um insgesamt 40 Prozent zurückfahren, weil die Spitäler im stark überschuldeten Land die Rechnungen nicht rechtzeitig beglichen haben.

Patientin Ioanna Myrilla

Bildlegende: Abhängig von Blutspenden: Anämie-Patientin Ioanna Myrilla benötigt regelmässige Blutttransfusionen. SRF

Griechenland befürchtet erhebliche Engpässe. Zehn Prozent der Bevölkerung im ohnehin krisengeschüttelten Land leiden an Mittelmeer-Anämie. Wer diesen vererbbaren Gendefekt hat, produziert nicht genügend Hämoglobin, sodass der eigene Körper die Sauerstoff-Zufuhr nicht gewährleisten kann.

Anämie-Patienten wie Ioanna Myrilla sind deshalb laufend auf frisches Blut angewiesen. «In meinem Fall sind es zwei bis drei Blutkonserven alle zwei bis drei Wochen», sagt sie zu «ECO». Wenn die regelmässige Zufuhr von ungefähr einem Liter Vollblut pro Monat ausbleibt, ist Ioanna Myrilla einem erhöhten Risiko langfristiger gesundheitlicher Probleme ausgesetzt.

Griechen müssen Blut selbst beschaffen

Unter anderem aufgrund der hohen Anzahl von Anämie-Patienten brauchen die griechischen Spitäler jährlich etwa 600‘000 Blutkonserven, doch die Spendebereitschaft ist deutlich geringer als in der Schweiz. «Seit der tiefen Wirtschaftskrise ist die Bereitschaft zum freiwilligen Blutspenden zurückgegangen. Die Menschen haben einfach andere Sorgen», sagt Ioanna Myrilla, die vor den geplanten Infusionen oft «alle möglichen Menschen» um eine Spende bitten muss. Wer in Griechenland Blut benötigt, muss es oft selbst beschaffen – bei Familienmitgliedern oder Freunden. Ist man im Notfall auf das Blut angewiesen, erhält man zwar eine Transfusion aus der Reserve, muss im Nachhinein aber für Ersatz sorgen.

Das griechische Gesundheitssystem hat es bisher nicht geschafft, einen funktionierenden Blutspendedienst in die Wege zu leiten. Die zentrale, informatikgestützte Erfassung von Blutkonserven, wie sie in der Schweiz seit Jahren selbstverständlich ist, ist noch immer nicht aufgebaut. Im Zuge der europäischen Schuldenhilfe sind Berater der deutschen Bundesregierung federführend bei der Reorganisation des griechischen Gesundheitssystems, der Blutnotstand war jedoch bisher kein Thema.

Das Schweizerische Rote Kreuz hat dem überforderten griechischen Gesundheitswesen deshalb Hilfe beim Aufbau einer Spendeninfrastruktur zugesichert. Die Entscheidung des SRK, die Lieferungen gestaffelt um 40 Prozent zurückzufahren, trifft Menschen wie Ioanna Myrilla trotzdem hart: «Das ist ein schwerer Schlag für die Patienten in Griechenland, denn das Land ist auf diese Situation völlig unvorbereitet.»

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  • Griechenland am Tropf von Schweizer Blutspendern

    Aus ECO vom 14.4.2014

    Wegen nicht bezahlter Rechnungen reduziert das Rote Kreuz die Blutlieferungen nach Griechenland, auf die viele Griechen dringend angewiesen sind. Weil ihr Gesundheitssystem am Anschlag ist, müssen sich die Patienten selbst auf die Suche nach Blut machen.

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