«Kampf gegen Klimawandel könnte Finanzkrise auslösen»

Mit der Warnung an Unternehmen, Investoren und Banken ist Nobelpreisträger Joseph Stiglitz an der Universität Zürich aufgetreten. Für den US-Ökonomen ist klar: Ein Preis für den CO2-Ausstoss wird die Weltwirtschaft stark verändern.

Für den Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz ist klar: Der Ausstoss von Treibhausgas CO2 wird weltweit mit einem Preis bewertet werden – die Frage sei nur, wann. Der US-Wirtschaftswissenschafter ist an der Universität Zürich aufgetreten und sprach über den Klimawandel und seine Folgen für die Weltwirtschaft.

Porträt von Joseph E. Stiglitz.

Bildlegende: Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz warnt vor den Kosten des Klimawandels. Keystone / Archiv

Zwar sei an der UNO-Klimakonferenz in Paris noch kein CO2-Preis festgesetzt worden. Doch hätten die Staaten immerhin ein Signal ausgesandt, dass der Ausstoss von Treibhausgas begrenzt werden müsse. Das könne nur geschehen, wenn diejenigen bezahlen müssten, die für den Ausstoss verantwortlich sind, sei es in Form von Abgaben oder von handelbaren Rechten für die Emissionen.

Ein solcher CO2-Preis werde die Weltwirtschaft grundlegend verändern, ist Stiglitz überzeugt: Einerseits würden fossile Energieträger teurer und damit zum Beispiel auch die Transportkosten. Andererseits verlören Kraftwerke, aber auch energie-ineffiziente Liegenschaften an Wert. Diese Wertveränderung könne langsam geschehen, aber auch schnell vor sich gehen und damit eine Krise auslösen.

«Dekarbonisieren»

Ein solcher Kollaps kann laut Stiglitz verhindert werden, indem Unternehmen, Investoren und Banken den CO2-Preis vorwegnehmen und nicht warten, bis die Politik dann irgendwann einen Preis fixiert. Gewisse Unternehmen hätten entsprechende Schritte eingeleitet und seien daran, ihr Geschäft oder ihre Finanzanlagen zu «dekarbonisieren», wie es im Jargon heisst. Also zum Beispiel aus Beteiligungen an Kohlekraftwerken auszusteigen.


Klimawandel könnte Finanzkrise auslösen

4:32 min, aus Echo der Zeit vom 19.01.2016

Rasches Handeln sei auch deshalb entscheidend, weil auf den global vernetzten Finanzmärkten niemand genau wisse, wer von wem wie abhängig sei und wer deshalb wen in einen möglichen Strudel ziehen könnte. Weil man solche sogenannten Systemrisiken zu wenig kannte, habe etwa der Zusammenbruch der Bank Lehman Brothers 2008 so verheerende Folgen gehabt, erklärt Stiglitz.

Verantwortliche für Nachhaltigkeit belohnen

Seither kenne man die Systemrisiken zwar besser, unter Kontrolle seien sie aber noch lange nicht. Verschärft werde die Lage dadurch, dass viele Banken für den Kampf gegen den Klimawandel nach wie vor falsch ausgerichtet seien. Aber nicht nur im Finanzsektor, sondern in der gesamten Wirtschaft würden die Verantwortlichen falsch belohnt – nämlich für kurzfristige Gewinne und nicht für nachhaltige Strategien. Das müsse sich ändern.

Stiglitz' Forderungen sind nicht neu. Der streitbare Ökonom setzt sich seit langem energisch für den Kampf gegen den Klimawandel ein. Immer wieder betont er dabei, dass die Weltwirtschaft enorm profitieren könnte, wenn sie ökologischer werde. Um einen Kollaps auf dem Weg dorthin zu verhindern, müssten Unternehmen und Politik jetzt rasch handeln.

Ob das gelingt? Er wolle nicht allzu zuversichtlich tönen, aber verhalten optimistisch sei er, sagt Stiglitz. Schlicht und einfach, weil immer mehr Menschen die fatalen Folgen des kurzfristigen Denkens erkennen.