Liegengebliebene Schnäppchen landen in Afrika

Was passiert mit den Kleidern, die im Ausverkauf nicht weggehen? Manche Modehäuser geben sie weiter an Hilfsorganisationen, andere verkaufen sie zu Tiefstpreisen an dubiose Händler. Diese wiederum finden vor allem in Afrika Käufer für die Ware, die hier niemand will.

Symbolbild: Einkaufs-Mall mit einem Schild «Sale -80 Prozent»

Bildlegende: Es ist Ausverkauf. Was übrig bleibt, landet teilweise auf Märkten in Afrika. Imago

Wir nennen ihn Rachid. Er möchte nicht mit seinem richtigen Namen genannt werden, denn er hat seine Firma in der Schweiz nicht angemeldet – und zahlt entsprechend auch keine Steuern. Der Algerier ist seit 40 Jahren im Geschäft. Er handelt mit hunderten von Kleidermarken. «Von Designer- bis Billigmarken ist alles dabei», sagt Rachid.

Übriggebliebene Ware

Sein Geschäft sind Kleider, die in den Läden der Schweiz nicht verkauft werden können, die auch beim Ausverkauf nicht weggehen. Dazu gehören Unterwäsche, Schuhe, Röcke, T-Shirts, Hosen, und das alles keineswegs nur in XXL-Grösse. Rachid sagt, jedes Jahr würden es mehr Kleider. Dies vor allem, weil sich die meisten Modegeschäfte keine Lagerräume mehr leisten könnten, um die nicht verkauften Kleider bis zum nächsten Sommer aufzubewahren.

Rachid holt die Kleider nicht selber in den Boutiquen und Geschäften ab, das machen sogenannte Zwischenhändler. Wenn diese vorbeischauen, würden die Kleiderläden ihre unverkauften Hemden, Röcke, Schuhe und Hosen in grossen Kartonkisten bereithalten, erklärt Rachid. «Viele Exporte gehen dann nach Mali, Senegal oder Nordafrika», so der Händler.

Lebensgrundlage für kleine Händler

Rachids Handy klingelt. Am Telefon ist Boubaka aus Senegal. Er möchte wissen, ob er bald mit seiner Ware rechnen könne. Klar, die sei parat, sagt Rachid. Er rufe ihn später zurück. Boubaka werde die Ware in Afrika weiterverkaufen – wie all seine Geschäftspartner, sagt Rachid. «Die Kleider landen auf den Märkten in Ouagadougou, Dakkar oder anderen Städten.» Kleine Händler würden die Ware dort verkaufen und sich so einen Tageslohn verdienen.

An jedem Kleidungsstück, das er nach Afrika verkaufen kann, verdiene er 10 bis 30 Prozent, sagt Rachid. Wenn er also eine Hose für 1.50 Franken weiterverkaufe, verdiene er vielleicht 30 Rappen. Das sei so wenig, dass es sich gar nicht lohne, seine Einkünfte zu versteuern, so der Algerier.

Nun aber verabschiedet sich Rachid. Schliesslich habe er noch viel zu tun. Und Boubaka aus Senegal wartet auf seinen Rückruf.

Das passiert mit den Saisonkleidern:

Einen Teil der Kleider können die Modeketten auch im nächsten Sommer nochmals ins Regal stellen. So heisst es bei Vögele etwa, weisse T-Shirts könne man wieder in die Kollektion einbauen. Der Grossteil der Saison-Kleider ist nächstes Jahr aber nicht mehr in Mode und kann dann auch nicht mehr verkauft werden. Diese Ware wird jetzt mit Rabatten verkauft, die immer höher werden, am Schluss kostet jedes Teil vielleicht noch 5 Franken. Manche Läden führen auch sogenannte Outlet-Shops, in denen nur reduzierte Ware angeboten wird. Andere arbeiten mit wohltätigen Organisationen wie Caritas, Rotem Kreuz oder Texaid zusammen, denen sie die nicht verkauften Kleider spenden. Und schliesslich gibt es Modehäuser, die über Ware verfügen, die einfach nicht weggeht, die aber weg muss. Diese Kleider gehen oftmals via dubiose Händler – wie eben Rachid – in die Dritte Welt.