Nachholbildung statt Entlassung

Der Kostendruck auf die Industrie steigt. Automatisierung hilft, schafft aber andere Herausforderungen: Es braucht mehr Fachkräfte und weniger Ungelernte. Der Werkzeug-Hersteller Fraisa bietet eine Lösung für beide Probleme: Statt Mitarbeiter zu entlassen, macht er sie mit einer Nachholbildung fit.

Zwei Männer unterhalten sich in Produktion.

Bildlegende: Lulzim Osmani (li.), einst ungelernt, ist heute Produktionsmechaniker bei Fraisa – dank der Nachholbildung. SRF

Mehr als 600‘000 Erwachsene in der Schweiz verfügen über keine berufliche Grundausbildung. Hier sieht der Bundesrat Handlungsbedarf: Er hat die Erwachsenen ohne Ausbildung als eine der Hauptzielgruppen in seiner Strategie zur Bekämpfung von Armut von 2013 definiert.

Mann im Interview.

Bildlegende: Emil Wettstein: «Wir haben 600‘000 Leute in der Schweiz, die noch nicht ausgebildet sind.» SRF

Ein grosser Teil von ihnen hätte noch 30 bis 40 Jahre Arbeitsleben vor sich, sagt Emil Wettstein, diplomierter Ingenieur und Projektleiter in der höheren Berufsbildung. «Dazu kommt, dass auch heute 5 Prozent der Jugend ohne Ausbildung ins Erwerbsleben gehen, also mehrere Tausend pro Jahr.»

Schon heute werden Personen ohne berufliche Ausbildung zweieinhalb Mal so häufig arbeitslos als solche, die über eine Grundausbildung verfügen. Angesichts der Entwicklungen in der Industrie wird sich die Lage weiter verschärfen.

Aus Herausforderungen Chancen machen

Um international konkurrenzfähig zu bleiben, setzen Schweizer Industrie-Unternehmen auf Rationalisierung und Automatisierung. Was das bedeutet, zeigen die Statistiken des Verbandes der Schweizerischen Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie Swissmem: Im ersten Halbjahr 2015 kam es zu über 4300 Entlassungen.

Mit dem technischen Fortschritt steigen die Anforderungen an die Angestellten. Josef Maushart, Geschäftsführer des Werkzeugherstellers Fraisa, sagt: «Gleichzeitig haben wir in der Industrie viele hervorragende, bewährte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die bislang noch keinen Berufsabschluss haben».

Deshalb hat Maushart, der auch Präsident des Industrieverbandes Solothurns ist, entschieden, die fehlenden Fachkräfte unter den eigenen Mitarbeitern zu rekrutieren: Er bietet Nachholbildung für bestehende Angestellte an. Weil er darin grosses Potential sieht, lancierte er 2012 ein entsprechendes Projekt.

In Zusammenarbeit mit dem Kanton und dem Industrieverband Solothurn bietet er einen Lehrgang für den Beruf Produktionsmechaniker. Während zwei Jahren bereiten sich erwachsene Mitarbeiter mit einem Speziallehrplan auf das Eidgenössische Fähigkeitszeugnis vor. 2014 schloss mit 57 Jahren der älteste Azubi ab.

Spannend ist es längerfristig

Mindestens 30 Prozent der Stellen für Ungelernte dürften in den kommenden fünf Jahren wegfallen, rechnet Josef Maushart. Um diese zu qualifizieren, brauche es jedoch zwei bis drei Jahre Vorlaufzeit. Langfristige Planung sei also zentral.

«Für die Arbeitgeber ist es längerfristig spannend, denn Leute, die sich weitergebildet haben, können sich leichter an Veränderungen anpassen», sagt auch Emil Wettstein. Noch würde das Bewusstsein über die Chancen, welche die Nachholbildung bietet, aber fehlen – bei Arbeitnehmern und Arbeitgebern.

«ECO Talk» zum Frankenschock

«ECO Talk» zum Frankenschock

Josef Maushart ist auch Gast im «ECO Talk». Mit ihm und den Spitzen der Firmen Kuhn Rikon und Bucher Industries diskutiert Reto Lipp die Frage: Geht die Schweizer Industrie in die Knie? Zur Sendung

Bundesamt für Statistik

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Nachholbildung: Fraisa macht aus Ungelernten Fachkräfte

    Aus ECO vom 30.11.2015

    Der Kostendruck auf die Industrie steigt. Viele Unternehmen reagieren mit Automatisierung. Doch das schafft andere Herausforderungen: Es mangelt an Fachkräften, die mit neuen Technologien umgehen können und bisherige Mitarbeiter sind damit überfordert. Der Solothurner Werkzeug-Hersteller Fraisa bietet eine Lösung für beide Probleme: Statt bisherige Mitarbeiter zu entlassen, macht er sie mit einer Nachholbildung fit für sich selber – und andere Betriebe.

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