Schweizer Privatschulen in der Hand von globalen Konzernen

Globale Bildungskonzerne agieren in der Schweiz. Sie haben ihren Sitz in Dubai oder Hongkong und eröffnen oder kaufen Privatschulen. Der Bildungsmarkt wird nach jenem der Gesundheit als grösster weltweit gehandelt – Tendenz steil nach oben.

Kinder mit Händen nach oben.

Bildlegende: Sterne fangen: Achtsamkeits-Übungen und gleichzeitig viel Technik gehören zur Gems World Academy am Genfersee. SRF

«Manchmal vergessen wir, wie verschieden wir sind», sagt Neena Porter. Die 17-jährige Britin besucht das Collège du Léman in der Nähe von Genf, eine internationale Privatschule mit Jugendlichen aus mehr als 100 Ländern. Etwa aus Nigeria, wie Bankole Adebayo. Er schätzt es, Gleichaltrige aus aller Welt um sich zu haben, denen er sonst nie begegnen würde.

Wie hier in Versoix besuchen zahlreiche Kinder aus Familien, die für die Arbeit von Land zu Land ziehen, internationale Privatschulen. 96 listet der Verband Schweizer Privatschulen allein für die Kantone Genf und Waadt auf. Eine solche Dichte gibt es nicht annähernd in einer anderen Schweizer Region.

Keine öffentlichen Gelder

Anders als öffentliche Schulen, erhalten Privatschulen in der Regel keine Gelder von Bund und Kantonen. Es sei denn, sie dienen gleichzeitig als Kantonsschule, wie etwa das Internat in Zuoz (s. Infografik unten). Reine Privatschulen finanzieren sich komplett selbst – und sind häufig renditeorientierte Unternehmen.

Im Falle des Collège du Léman ist die Dimension noch grösser. Hinter der Schule steht ein globaler Bildungskonzern: Nord Anglia Education. 42 Schulen gehören weltweit zum Hongkonger Unternehmen, das an der New Yorker Börse kotiert ist.

Video «Thomas Schädler über seine Schule als Teil eines Konzerns» abspielen

Thomas Schädler über seine Schule als Teil eines Konzerns

0:56 min, vom 4.1.2016

Rektor Thomas Schädler sagt im Interview mit «ECO»: «Es ist klar: Solch eine Gruppe kann nur erfolgreich sein, wenn sie gute Resultate liefert. Und das heisst bei uns: wachsen.» So solle die Schule ihre maximale Schülerzahl erreichen (von 2200 Plätzen sind 1900 besetzt), gleichzeitig sollen neue Schulen dazukommen. Für die nächsten fünf Jahre visiere Nord Anglia Education weltweit eine Verdopplung der Schulen an. In der Schweiz gehören dem Konzern inzwischen vier, allesamt in der Westschweiz.

Für Thomas Schädler ist es kein Nachteil, ein grosses Unternehmen im Rücken zu haben. Im Gegenteil: Er zählt Möglichkeiten auf, die ihm als Teil einer Gruppe von Schulen offen stünden. So habe man kürzlich in einer Schulstunde, die das Thema Vulkane behandelte, via Skype eine Schulklasse aus einem Vulkangebiet zugeschaltet. Was bedeutet die Nähe zu aktiven Vulkanen? Wie lebt es sich in einer solchen Gegend? Derlei Fragen konnten Schüler einander stellen.

Video «Audrey Peverelli über das Schulkonzept und die geringe Auslastung» abspielen

Audrey Peverelli über Gems und die geringe Auslastung (eng.)

0:49 min, vom 4.1.2016

Zudem zählt er Kooperationen auf, die als Einzelschule nicht möglich wären. So bietet das Musik- und Schauspiel-Institut Juilliard School aus New York ab dem Sommer Kurse für die Schüler in der Schweiz an. Und man sei im Gespräch mit Fussball-Clubs wie Manchester United und FC Barcelona für mögliche Kooperationen.

Bildungskonzern aus Dubai am Genfersee

Einen anderen Weg, um aus Bildung Geld zu machen, geht der Konzern Gems aus Dubai. Er eröffnet weltweit Tagesschulen, inzwischen sind es 70. Seine erste «Filiale» in Europa steht seit 2013 in Etoy am Genfersee. Modern will sie sein, viel Technik in den Unterricht integrieren. Es gibt Achtsamkeitsübungen vor dem Unterricht. Und ein grosses Sportzentrum in einem weiteren Gebäude.

Wenn Bildung zum Business wird, wird sie in den Augen von Rektorin Audrey Peverelli besser. «Geldverdienen und Bildung gehen Hand in Hand, wenn man von Exzellenz spricht», sagt sie. Man müsse so viel bieten, dass Eltern bereit sind, dafür Zehntausende pro Jahr zu bezahlen.

Noch haben sich nicht ausreichend viele Eltern entschieden, ihre Kinder in die Gems World Academy zu schicken. Nach etwas mehr als zwei Jahren sind nicht einmal ein Viertel der 900 Plätze belegt. Rektorin Audrey Peverelli sagt: «Wir sind in der Anlaufphase, man bekommt nicht alle Schüler im ersten Jahr.» Gleichzeitig räumt sie ein, dass der Standort bislang ein Verlustgeschäft für den Mutterkonzern ist. Lebendig wirkt der grosse Neubau noch nicht. Zahlreiche Räume seien nicht in Benutzung – so spare man an Unterhalt und Personal.

Video «Amanda Kayne über den globalen Bildungsmarkt» abspielen

Amanda Kayne über den globalen Bildungsmarkt (eng.)

3:16 min, vom 4.1.2016

Ein besseres Leben durch Bildung

«Es ist schwieriger, eine Schule neu aufzubauen als bestehende Schulen zu kaufen», sagt Amanda Kayne. Sie ist Analystin im Themenbereich «Next Generation» bei Julius Bär. Dass der Bildungsmarkt immenses Potenzial hat, macht sie anhand aktueller Schätzungen deutlich: «Der globale Bildungsmarkt wird auf 5,6 Billionen US-Dollar geschätzt. Und innerhalb dieses Jahres soll er auf 7,8 Billionen steigen».

In weiten Erdteilen habe sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Bildung zu besseren Jobs und schliesslich zu einem besseren Leben führe. Entsprechend investierten jene, die es sich leisten könnten, in Schulen und Kurse.

Schweiz als hartes Pflaster

Die Expansion von Konzernen wie Nord Anglia Education und Gems sind die logische Konsequenz zu diesen Prognosen. Es scheint, als sei der Markteintritt in der Schweiz nicht der einfachste – stolz ist man auf die öffentliche Schule, skeptisch gegenüber Elitebildung und Privatisierung von Bildungsleistungen.

Privatschulen agierten in der Schweiz in einem Umfeld, das ihnen nicht sehr wohlgesinnt sei – das ist im Gespräch mit Rektoren von Tagesschulen und Internaten immer wieder zu hören. Gleichzeitig exportieren gerade solche Schulen den guten Ruf des Schweizer Bildungssystems in die Welt.

Video «Umfrage: Wie lernt es sich an einer internationalen Privatschule?» abspielen

Umfrage: Wie lernt es sich an einer internationalen Privatschule?

1:56 min, vom 4.1.2016

Zahlen zu Privatschulen

Die Gesamtzahl Schweizer Privatschulen ist unbekannt. Tagesschulen, Internate, Rudolf-Steiner-Schulen, Berufsbildungsschulen, Online-Schulen – Weder das Bildungsdepartement noch Bildungsökonomen können sie beziffern. Im Verband Schweizerischer Privatschulen sind 250 Schulen vereint. Schätzungen gehen von mindestens doppelt so vielen aus.

Wie viel kosten Privatschulen?

Die Preise für private Tagesschulen bewegen sich zwischen 20'000 und 30'000 Franken, je nach Altersstufe. Internate, in denen Schüler gleichzeitig leben, verlangen sehr unterschiedliche Beiträge. Beispiele: Hochalpines Institut Ftan rund 40'000, Lyceum Alpinum rund 80'000, Institut Le Rosey 130'000.

Sendung zu diesem Artikel

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Internate, Tagesschulen, Konzerne: Kampf um Schüler wird global

    Aus ECO vom 4.1.2016

    Ein Abschluss an einer Schweizer Privatschule gilt im Ausland vielfach noch immer als Grundstein für eine internationale Karriere. Inzwischen nutzen auch globale Bildungskonzerne, etwa aus Hongkong oder Dubai, diesen guten Ruf: Sie kaufen oder eröffnen hierzulande Schulen. Dies führt zu einem harten Konkurrenzkampf. «ECO» besucht unter anderem das Internat in Zuoz und zeigt das Spannungsfeld zwischen Bildungsinstitution und profitorientiertem Unternehmen.