Tiefer Erdölpreis zwingt Nigeria zum Umdenken

Afrika trifft der Zerfall der Rohstoffpreise hart. Laut Prognosen der Weltbank wird die Wirtschaft des Kontinents dieses Jahr nur um 1,6 Prozent wachsen, so wenig wie seit 20 Jahren nicht mehr. Länder wie Nigeria müssten ihre Wirtschaft breiter abstützen. Doch das ist leichter gesagt als getan.

Eine heruntergekommene, verlassene Tankstelle in Nigeria.

Bildlegende: Nigeria muss seine Wirtschaft diversifizieren, um künftig weniger von Rohstoffen abhängig zu sein. Reuters

Kein Land in Afrika ist beim Sturz des Erdölpreises so hart gelandet wie Nigeria. Zum ersten Mal seit zwei Jahrzehnten ist der westafrikanische Staat in die Rezession gerutscht und hat gar seinen erst kürzlich erklommenen Rang als grösste Wirtschaft Afrikas verloren. Die Währung hat seit dem Sommer fast 40 Prozent an Wert eingebüsst. Nigerianer kämpfen mit Inflation und Arbeitslosigkeit.

«Nun kommen wir nicht mehr darum herum, unsere Wirtschaft breiter abzustützen», sagte der nigerianische Handelsminister Okechukwu Enelamah am Rande einer Veranstaltung in Genf. Die Umstrukturierung der Wirtschaft Nigerias ist bitter nötig. Die Staatseinnahmen stammen zu 70 Prozent aus dem Erdölverkauf. Gleichzeitig muss Nigeria Benzin importieren, weil es zu wenige Raffinerien besitzt.

Land nicht attraktiv genug für Investoren

Nigeria ist das bevölkerungsreichste und wirtschaftlich derzeit zweitwichtigste Land in Afrika, aber gleichzeitig eines der Länder auf dem Kontinent, dessen Wirtschaft am wenigsten breit abgestützt ist. Darum will die Regierung unter Präsident Muhammadu Buhari Nigeria für Unternehmen attraktiver machen, Bürokratie abbauen und vor allem in die Infrastruktur investieren. Bloss das Geld dafür fehlt.

Ein Kameramann schwebt an einem Lenkarm über einer Gruppe Frauen.

Bildlegende: Nigerias Filmindustrie boomt. Im In- sowie im Ausland sind die Produktionen gefragt. Reuters

Der tiefe Ölpreis reisst Löcher ins Budget. Der Handelsminister gibt sich dennoch optimistisch: «Auch das wenige Geld, das wir noch kriegen, können wir investieren.»

Die Regierung hofft, dass die Privatwirtschaft mitzieht. Public-Private-Partnership ist das Wort der Stunde. An Projekten fehlt es nicht. Ob Strassen, Stromnetze, Internet, Häfen oder Eisenbahnlinien – die Infrastruktur müsste verbessert werden, um die Kosten für Investoren in Nigeria zu senken, ist Enelamah überzeugt.

Während Länder wie Kenia, Ruanda oder Tunesien es in den letzten Jahren geschafft haben, ihre Wirtschaft zu diversifizieren, hat es Nigeria verpasst, die guten Zeiten der hohen Rohstoffpreise zu Beginn der Nullerjahre zu nutzen.

Nollywood: Filmproduktion als neues Exportgut

Dennoch sieht Junior Davis, der Leiter der Afrika-Abteilung bei der UN-Behörde UNCTAD, gute Chancen, dass Nigeria dieses Mal die Gelegenheit nutzt. «Nigeria hat mit 190 Millionen Einwohnern einen riesigen Heimmarkt, eine dynamische Landwirtschaft, ein Bankensektor der wächst und mit der heimischen Filmindustrie – Nollywood – ein auf dem ganzen Kontinent hochgeschätztes Exportgut.»

Doch die Frage sei, so Davis: «Kann Nigeria das fehlende Humankapital aufbauen und die Leute ausbilden, die die breiter abgestützte Wirtschaft dann tragen können?» Zusätzlich müsse Nigeria es schaffen, nicht nur auf Unternehmen zu setzen, sondern sich noch andere Einnahmequellen zu überlegen. In erster Linie müsse verhindert werden, dass das Geld abfliesse, etwa durch Steuervermeidung, kriminelle Aktivitäten und Korruption. Durch solche unlautere Finanzströme verliert der afrikanische Kontinent so viel Geld, wie er an Entwicklungsgeldern erhält.

Jetzt wird kräftig zur Steuerkasse gebeten

Ein weiterer Punkt ist das Eintreiben von Steuern. Dieses Problem allerdings hat die nigerianische Regierung erkannt. Weil nur die wenigsten Steuern zahlen, hat sie im letzten Monat rund 700'000 Unternehmen aufgespürt, die nie Steuern bezahlt haben, und will diese nun zur Kasse bitten. Mehrere Millionen Privatpersonen sollen folgen.

Das Loch im Staatsbudget wird die Regierung damit wohl nicht sofort stopfen können. Für einen funktionierenden Staat, in dem eine breit abgestützte Wirtschaft funktionieren soll, ist ein ausgereiftes Steuersystem aber fundamental.