Trotz Negativzinsen wird mehr gespart – ein Widerspruch?

Rund eine halbe Milliarde Menschen sind von Negativzinsen betroffen, schätzt der IWF. Sich in dieser neuen Welt zurechtzufinden, braucht Zeit. Doch offenbar beginnen sich Herr und Frau Schweizer bereits anzupassen.

Jemand steckt eine 50-Cent-Münze in ein rosa Sparschwein.

Bildlegende: Negativzinsen sind bittere Realität für die Weltwirtschaft, aber auch für die, die einen Sparstrumpf anlegen wollen. Imago

Die Schweizerische Nationalbank bürdet den Sparerinnen und Sparern mit ihren Negativzinsen eine Last auf. So gibt es für die Kunden auf dem Bankkonto praktisch keinen Zins mehr.

«Wenn man Sparer ist, ist das ziemlich schlimm», sagt Veronica Weisser, Ökonomin bei der Grossbank UBS. «Die Sparer sagen, dass die Negativzinsen ihnen das Leben sehr schwer machen.»

Verkehrte Welt: Minuszins auf Anleihen

Denn unter diesen Bedingungen lohnt es sich kaum noch, das Geld auf die Bank zu bringen oder es beispielsweise in sicheren Staatsanleihen der Eidgenossenschaft anzulegen. Die zehnjährigen Anleihen des Bundes kosten sogar Minuszinsen. Ein halbes Prozent Zins zahlt aktuell, wer dem Bund mit dem Kauf solcher Obligationen Geld ausleiht. Eine verkehrte Welt, denken sich viele. Und manche sagen es auch.

UBS-Ökonomin Weisser: «Wir befinden uns in einer Welt, die auf den Kopf gedreht ist.» Wenn Sparen nichts bringt, Schuldenmachen aber gratis ist, dann könnten die Leute versucht sein, mehr für den Konsum auszugeben, vielleicht sogar auf Pump zu konsumieren, mittels Konsumkrediten. Doch in der Statistik sieht man davon wenig – bis heute zumindest: «Die Privatkredite in der Schweiz sind angestiegen. Im Vergleich zum Ausland bewegen wir uns hier aber noch auf sehr tiefem Niveau.»

Sorge um Altersvorsorge

Auch legen Herr und Frau Schweizer ihr Geld nun nicht im grossen Stil unter die Matratze oder in ein Schliessfach. Dagegen lasse eine andere Entwicklung aufhorchen, meint Weisser: Mehr und mehr Leute machen sich offenbar Sorgen um ihre Rente nach der Pensionierung – wegen der anhaltend tiefen Zinsen und der mageren Renditen an den Kapitalmärkten.

Sie wollen vorsorgen und legen darum noch mehr Geld auf die hohe Kante. Ein einleuchtendes Verhalten, sagt die UBS-Ökonomin. Denn die Leute verstünden das so: «Damit ich in Rente immer noch x-Tausend Franken als private Vorsorge zur Verfügung habe, muss ich heute ja noch viel mehr sparen.»

Spartrend dürfte sich verstärken

Je mehr diese Überlegung Schule mache, meint Weisser, desto deutlicher werde sich wohl der Trend zum gesteigerten Sparen in der gesamtwirtschaftlichen Statistik abzeichnen. Noch liegen dazu keine gesicherten Daten vor. Doch klar ist: Allmählich stellt sich die breite Bevölkerung auf dauerhaft niedrige, teils sogar negative Zinsen ein. Und das ist gut so. Denn es gibt keine Anzeichen dafür, dass die Nationalbank bald schon wieder von ihrer Negativzinspolitik abrückt.