Viren aus der Schweiz im Einsatz gegen Schädlinge

Oft sorgen Pestizide für Negativschlagzeilen. Doch die Sorgen um die Nebenwirkungen geben einem Teil der Industrie Auftrieb: Jenem, der sich dem biologischen Pflanzenschutz verschrieben hat. Ein Besuch bei einer Schweizer Pionierfirma.

Ein Wurm tut sich an einem aufgeschnittenen, im Gras liegenden Apfel gütlich.

Bildlegende: Wurmfreie Äpfel dank infizierten Raupen: Diese Methode soll den Einsatz von Pestiziden verringern. zvg

Begonnen hat alles vor über 25 Jahren in einer Studentenwohnung. Dort gründete das Ehepaar Andermatt die Firma Andermatt Biocontrol und begann, Insekten zu züchten, mit dem Ziel, sie zu bekämpfen. Und genau das macht die Firma noch heute – inzwischen mit rund 120 Mitarbeitern im luzernischen Hinterland.

Die Produktionsleiterin Johanna Häckermann zeigt das Herzstück der Firma: ein Raum mit einem Fliessband. Auf dem Fliessband liegen Behälter mit kleinen Raupen. «Diese lachsfarbenen Rauben sind Apfelwicklerraupen. Sie sind im vierten Larvenstadium. Das ist das richtige Stadium, um sie dann zu infizieren.»

Biologischer Pflanzenschutz mit Hilfe von Viren

Infiziert werden die Raupen mit Viren, welche ihnen in der Natur den Garaus machen – und so den Apfel wurmfrei halten. Das Fliessband setzt sich in Bewegung, und die Raupen verschwinden in einem infektiösen Sprühnebel.

Nun sind ihre Stunden gezählt, erklärt Häckermann: «Der Virus braucht einige Zeit, bis er wirkt. Nach einer Woche sehen sie schon ziemlich krank aus, und nach zwei Wochen sterben sie.» Die Raupen sind dann prall gefüllt mit Viren und haben damit ihre Aufgabe, möglichst viele Viren herzustellen, erfüllt: «Man muss die Viren in einem lebenden Organismus vermehren. Momentan geschieht das in unseren Larven.»

Um die Viren zu produzieren, hat die Firma die Schädlingszucht perfektioniert. Von der Futterküche, wo in einem grossen Kessel Insektennahrung nach einem geheimen Rezept gebraut wird, bis zum Falterraum, wo die Schädlinge zu tausenden ihre Eier legen, aus denen die nächsten Larven für die Virenvermehrung schlüpfen.

Viren aus Raupen auf brasilianischen Soja-Feldern

Nicht nur Apfelbäume, auch viele andere Nutzpflanzen können mit Hilfe von Viren geschützt werden. Andermatt Biocontrol verkauft die Viren bis nach Brasilien, wo sie mit Traktoren über riesige Soja-Felder gesprüht werden.

Im Angebot hat die Firma auch die restliche Palette des biologischen Pflanzenschutzes: Zum Beispiel Nützlinge, die andere Insekten in Schach halten, sowie Pflanzenextrakte und Mikroorganismen, die gegen Schädlinge wirken.

Prinzipiell, sagt Firmengründer Martin Andermatt, lasse sich für jedes Problem im Pflanzenschutz eine natürliche Form der Bekämpfung finden: «Wir können zwar nicht zu jedem Schädlingsproblem unmittelbar eine Lösung aus dem Hut zaubern.» Es brauche Zeit, um den Schädling zu studieren, seine Schwachstellen und Gegenspieler zu kennen. «Dann ist es aber möglich, für jeden Schädling eine biologische Lösung zu finden.»

Auch grosse Chemiefirmen mischen mit

Weltweit machen die biologischen Produkte heute zwar erst rund drei Prozent des Pflanzenschutz-Marktes aus. Doch auch grosse Agrofirmen wie Syngenta und BASF setzen neben der Chemie zusätzlich auf Biologie und haben in den letzten Jahren spezialisierte Firmen aufgekauft.

Die Konkurrenz bereite ihm keine Sorgen, sagt Martin Andermatt. Für kleinere Firmen wie seine werde es immer genügend Nischen geben. Und: «Der ganze Marketingapparat der chemischen Industrie spricht nun positiv über biologischen Pflanzenschutz. Das nützt kleinen Firmen, die in Nischen solche Lösungen verkaufen wollen, auch sehr.»

Das Wichtigste sei, so Andermatt, dass so viele chemische Pestizide wie möglich rasch ersetzt würden. So gesehen ist es von Vorteil, wenn auch die grossen Chemiefirmen mitmischen.