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Wirtschaft Wie Stromkonzerne die Gefahr eines Blackouts erhöht haben

Im Dezember warnte Netzbetreiberin Swissgrid vor einem Stromengpass: Die Stromkonzerne hatten so viel Speicherstrom produziert, dass die Stauseen halb leer waren. Der Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen weist Kritik zurück: Die Stromkonzerne hätten nur Marktopportunitäten genutzt.

Legende: Video Das riskante Spiel der Stromproduzenten abspielen. Laufzeit 06:08 Minuten.
Aus ECO vom 18.01.2016.

Das Thema in Kürze:

  • Anfang Dezember warnte die Netzbetreiberin Swissgrid vor einem Stromengpass im Winter.
  • Die Speicherseen waren im Dezember halb leer, weil viel Speicherstrom produziert wurde.
  • Der Verband der Schweizerischen Elektrizitätsunternehmen VSE sagt: Die Produzenten hätten sich marktkonform verhalten.
  • Und: Es gebe keine gesetzliche Verpflichtung für die Wasserkraft, für die Versorgungssicherheit zu sorgen.

Wenig Wasser in den Flüssen wegen des trockenen Sommers, der Ausfall der Kernkraftwerke Beznau I und II sowie halbleere Stauseen veranlassten Netzbetreiberin Swissgrid, am 2. Dezember 2015 vor einer «angespannten Energie- und Netzsituation für den Winter» zu warnen. Bei den Stauseen hätte es nicht soweit kommen müssen: Im Oktober und November hatten die Stromkonzerne so viel Speicherstrom produziert, dass die Stauseen im Dezember zur Hälfte und mehr geleert waren. Und das, obwohl sie Ende September mit über 80 Prozent sehr gut gefüllt waren, wie «Infosperber» berichtete.

Michael Frank
Legende: Michael Frank, VSE: «Keine gesetzliche Verpflichtung zu Versorgungssicherheit.» SRF

Jetzt sagt Michael Frank, Direktor des Verbands Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen VSE, man könne es der Wasserkraft nicht verargen, dass sie Marktoppportunitäten genützt habe. Er geht sogar noch weiter: «Es gibt keine gesetzliche Verpflichtung für die Wasserkraft, für die Versorgungssicherheit zu sorgen.»

Eine erstaunliche Aussage, denn erst im September hat der Ständerat im Rahmen der Energiedebatte 2050 Subventionen für die Wasserkraft zugestimmt: Wasserkraftwerke in Not sollen aus dem Fördertopf für neue erneuerbare Energien KEV (Kostendeckende Einspeisevergütung) jährlich bis zu 120 Millionen Franken erhalten. Vertreter von Wasserkantonen wie der Bündner CVP-Ständerat Stefan Engler machten während der Debatte Druck: «Sie können wählen, ob die Ergänzungs- und Ausgleichsenergie auch in Zukunft von der inländischen Wasserkraft stammen soll oder aus importierter Bandenergie von ausländischen AKWs oder Kohlekraftwerken.» Wer daraus schloss, Schweizer Stromkonsumenten könnten sich auf Ausgleichsenergie aus Wasserkraft verlassen, sieht sich jetzt eines Besseren belehrt.

Verantwortung nicht in einer Hand

Die Verantwortung für die Situation ortet Michael Frank nicht alleine bei den Speicherstrom-Produzenten. Der VSE-Direktor verweist auf das Stromversorgungsgesetz, das 2007 in Kraft trat und das sogenannte Unbundling (Trennen von Netz und Vertrieb bei Energieversorgungsunternehmen) einführte: «Das Unbundling hat zur Folge gehabt, dass der Gesamt-Überblick und die Gesamt-Verantwortung im Gegensatz zum früheren Monopolsystem, wo alles in eine Hand war, nicht mehr in einer Hand ist. Es gibt verschiedene Akteure, es gibt verschiedene Rollen, es gibt verschiedene Aufgaben, und die sind verteilt.»

Paul Niggli
Legende: Paul Niggli, Swissgrid: «Hinweisen, dass es ein Problem geben könnte, wenn man weiter so produziert.» SRF

Paul Niggli, Leiter Krisenmanagement Swissgrid, sagt, die Netzbetreiberin habe sehr wohl ihre Verantwortung wahrgenommen «Wir haben aus unserer Sicht das Gefühl gehabt, es sei in unserer Verantwortung, darauf hinzuweisen, dass es ein Problem geben könnte, wenn man weiter so produziert.» Zudem wies Swissgrid darauf hin, dass die angespannte Situation nicht einfach mit Stromimporten aus dem Ausland entschärft werden könne – etwa wenn in der Schweiz eine Kälteperiode einsetzt. Denn die Kapazität der heute vorhandenen Transformatoren sei nicht ausreichend.

Laut Paul Niggli sei ein Ausfall eines Kernkraftwerkes wie Beznau sicher abwickelbar mit dem heutigen Netz: «Wir können aber nicht gleichzeitig davon ausgehen, dass alle Speicherkraftwerke eine andere Fahrweise fahren als das normalerweise der Fall ist und dass wir dort dann auch noch unterschiedliche Massnahmen ergreifen müssten.»

Im Klartext: Dass die Stromproduzenten die Speicherseen gleichzeitig in allen Regionen leeren würden, sei nicht antizipierbar gewesen. Doch schon im Dezember sah der VSE die Verantwortung nicht bei den eigenen Mitgliedern. Kurz nach der Warnung von Swissgrid forderte der VSE in einer eigenen Medienmitteilung den Ausbau des Netzes.

«Riskante Speicherbewirtschaftung»

Dieses Anliegen kontert die staatliche Aufsichtskommission Elcom klar: Zwar sei ein Ausbau des Netzes ohnehin geplant, und aktuell werde analysiert, inwiefern die Ausbauplanung neu priorisiert werden müsse. Doch: «Der Ausbau der Netzinfrastruktur ist nicht sinnvoll, um eine riskante Speicherbewirtschaftung zu kompensieren.»

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18 Kommentare

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  • Kommentar von Roman Knoepfel (winglet55)
    Es war wohl einer der grösseren Fehler des Souveräns, der Privatisierung der Stromindustrie zuzustimmen. Shareholdervalue weicht der Versorgungssicherheit.
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    1. Antwort von Thomas Leu (tleu)
      @ Roman Knoepfel: Nennen Sie mir einen einzigen Schweizer Stromkonzern, der privatisiert wurde.
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    2. Antwort von W. Pip (W. Pip)
      Sie meinen wohl die Überführung von Stromkonzernen in eine privatwirtschaftliche Rechtsform (wobei die Kantone/Gemeinden jeweils die Mehrheit halten). Ja, das war es. Damit hat der Geldscheffelgedanke überhand gewonnen. Vielleicht helfen unserer dümmichen energiepolitischen und ideologisch geprägten Kakophonie ja geplante Versorgungs-Ausfälle à la Bulgarien auf die Sprünge…
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  • Kommentar von Melchior Lindenstruth (melchior)
    Vielen Dank srf.ch für Eure Recherchen und diese Kommentare. Man fühlt sich oftmals von den 'Machern' auf dieser Welt so verarscht...... Was lernen wir aus dieser Misere in erster Linie? Es war und ist grundsätzlich falsch, dass wir Versorgungsdienstleister privatisiert haben. Versorgung ist ein öffentliches Thema - ein privater und nach heutigen Marktregeln operierender Dienstleister verhält sich logischer Weise nicht im öffentlichen Interesse. Bonussystem und shareholder value sind massgebend
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    1. Antwort von Thomas Leu (tleu)
      @ Melchior Lindenstruth: Ihre Recherchen sind leider nicht so präzis wie diejenigen von SRF. Bis jetzt wurde kein einziges Elektrizitätsversorgungsunternehmen in der Schweiz privatisiert. Die gehören alle immer noch Kantonen und Gemeinden, also der Öffentlichkeit.
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  • Kommentar von A Züger (zua)
    Titel müsste Ursachen-gerecht heissen: "Wie deutsches Erneuerbares Energien-Gesetz (EEG) Gefahr eines Blackouts erhöht hat". Mit massivster Subventionierung von unvorhersehbarem Wind- und Solarstrom müssen Kohlekraftwerke zur Versorgungssicherheit in DE weiterlaufen, was zu zeitweise grossem Überangebot und damit Strom-Preiszerfall führt. Um grosse Verluste durch diese Marktverzerrung zu umgehen, sind CH-Wasserkraftwerke gezwungen, weniger auf langfristige Versorgungssicherheit Rücksicht nehmen.
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