«Zalando-Effekt»: Der Export-Boom, der keiner ist

Die Schweizer Aussenhandelsstatistik für das vergangene Jahr wartet mit einer Überraschung auf: 6,6 Prozent mehr Kleider und Schuhe soll die Schweiz exportiert haben – trotz dem starkem Franken. Aber das klingt zu schön, um wahr zu sein.

Man könnte es den «Zalando-Effekt» nennen – denn für die Statistiker ist klar: Der Boom der Bekleidungs- und Textilindustrie findet nur auf dem Papier statt. Ein grosser Anteil der exportierten Kleidung und der Schuhe stammt nämlich gar nicht aus Schweizer Produktion, sondern aus Retouren.

Ein Zalando-Paket auf einem Förderband der Post.

Bildlegende: Zurück an den Absender – und auf direktem Weg in die Exportstatistik: Ein Zalando-Päckchen. Keystone

Das sind also T-Shirts, Hosen oder Stiefel, die Schweizerinnen und Schweizer im Ausland bestellt und dann wieder zurückgeschickt haben, weil sie nicht passten oder defekt waren. Den Anteil dieser Rücksendungen an den Exporten sei hoch, sagt der Ökonom Matthias Pfammatter von der Eidgenössischen Zollverwaltung: «Es geht um etwa 30 Prozent.» Das ist eine ganze Menge, auch mit Blick auf die absoluten Zahlen.

Vermeintlicher Exportboom

Der Exportboom in der Textil- und Bekleidungsindustrie ist also gar keiner. Er kommt nur zustande, weil die Zollverwaltung die Rücksendungen zu den Exporten dazuzählt. Das sei schon ein gewisser Makel, gibt Pfammatter zu. Aber wer wolle, könne die Retouren in einer separaten Statistik ansehen.


Überraschendes in der Exportstatistik

2:43 min, aus Echo der Zeit vom 26.01.2016

Von einem Aufschwung der Textilbranche könne aber sicher nicht die Rede sein, sagt Pfammatter. Es gebe zwar noch gewisse Nischen, in denen Bekleidungsunternehmen ein Wachstum erzielten, aber in der Masse sei die Bedeutung dieser traditionellen Unternehmen nicht mehr so gross. «Die Zahlen zeigen, dass ein grosser Teil des Wachstums von den retournierten Waren kommt.»

Gratis-Retouren verfälschen die Statistik

Ähnlich ist es in der Schuhindustrie, in der allein im vergangenen Jahr Waren im Wert von 134 Millionen Franken ins Ausland zurückgeschickt wurden. Den scheinbaren Export-Boom in der Schweizer Bekleidungs-, Textil- und Schuhindustrie gibt es – in diesem Umfang – erst seit vier Jahren.

Und das ist kein Zufall. Denn Ende 2011 ist der deutsche Online-Versandhändler Zalando in den Markt getreten. Er lockt Kundinnen und Kunden ausdrücklich mit Gratis-Retouren. Seitdem steigt der Anteil der Schweizer Exporte in diesem Industriezweig jährlich um mindestens acht Prozent. Inzwischen haben viele Konkurrenten das Geschäftsmodell kopiert – was die Export-Statistik seit dem vergangenen Jahr erst recht künstlich aufbläst.