Zum Inhalt springen

Header

Inhalt

Die BuchKönig bloggt Ich belle in höchsten Tönen!

«Der Freund» von Sigrid Nunez erzählt von einer aussergewöhnlichen Freundschaft. Eine Schriftstellerin verliert überraschend ihren besten Freund und kriegt seine Dogge Apollo vermacht. Gemeinsam bewältigen die beiden ihre Trauer: Sie liest ihm Rilke vor. Er legt ihr Knausgård in den Schoss. Wuff!

Ein Lakeland Terrier hält Blickkontakt mit der Dogge auf dem Buchcover von Sigrid Nunez Roman «Der Hund»
Legende: Von Hunden und Büchern Auch Annette Königs Lakeland Terrier Totoro hat einen Riecher für gute Bücher. SRF

Eine Schriftstellerin ist knapp bei Kasse. Die Miete ihrer Mini-Wohnung in Manhattan ist überrissen. Um Abhilfe zu schaffen beschliesst sie, einen Roman zu schreiben. Guten Stoff für einen Bestseller hat sie. Ihr bester Freund – ein bekannter Schriftsteller und Frauenheld – hat sich umgebracht und ihr seine depressive Dogge Apollo vermacht.

Bewertung: fünf Kronen

Bewertung: fünf Kronen

Eine humorvolle Abhandlung über Liebe, Freundschaft, Verlust und die heilende Kraft des Schreibens - gespickt mit klingenden Zitaten aus der Weltliteratur!

Die Schriftstellerin nimmt Apollo zu sich. Ein Pony von einem Hund, mit stinkendem Atem und sabberndem Schlund. Die Pfote so gross wie eine Männerfaust. «Man denke an den Türklopfer eines Schlosses.» Seine Häufchen türmen sich wie Wolkenkratzer auf den New Yorker Strassen. Und Apollos Anwesenheit bleibt auch in der Mietswohnung nicht unbemerkt. Doch die Schriftstellerin hat einen listigen Plan, wie sie die drohende Kündigung wegen Hundeverbot abwenden kann. Denn für ihren neuen besten Freund würde sie alles tun: «Deinen Hund zu haben, ist, als wäre ein Teil von dir hier (…) Ich möchte, dass er Mr. Happy Dog ist (…) Er muss dich vergessen und sich in mich verlieben. Das ist es, was geschehen muss.»

Zeichnung von Dogge Apollo
Legende: Harlekindogge Apollo SRF

Daumen rauf

Brillant. Sigrid Nunez hat für ihren Roman die Erzähltechnik des Stream of Consciousness – Bewusstseinsstroms – gewählt. Die Ich-Erzählerin tritt in einen inneren Dialog mit ihrem verstorbenen Freund. Erinnert sich an Gesagtes, reflektiert Geschehenes und versucht so, eine Antwort auf seinen Suizid zu finden. Diese Unmittelbarkeit entwickelt einen unwiderstehlichen Sog! Und was mir auch gefällt: Die Autorin gibt Einblick, wie man einen autobiografischen Roman schreibt. Was man verfremdet, was übertreibt. Und wie man am Ende durch Fiktion zur Wahrheit vordringt.

Berührend. Wie da Zweibeiner und Vierbeiner zueinander und zurück ins Leben finden! «Eine Lawine der Verzweiflung und Apollo bringt mir ein Buch wie der Bernhardiner, der mit einem Fässchen Schnaps durch den Schnee zu Hilfe eilt.» Solche Sätze berühren und beglücken wie auch dieses Zitat frei nach Rilke: «Was sind wir, Apollo und ich, wenn nicht zwei Einsame, die einander schützen, grenzen und grüssen?»

Bissig. Der Roman strotzt nur so von Seitenhieben auf den Literaturbetrieb. Herrlich! Zum Beispiel: «Schreiben ist Frustration und Demütigung. Das ist die Realität, hast du gesagt. Doch in unserem aufs Schreiben versessenen Zeitalter, sei die Realität verloren gegangen. Jetzt schreibt jeder, so, wie jeder kackt. Die vermehrten Möglichkeiten zum Veröffentlichen im Selbstverlag sind eine Katastrophe, hast du gesagt. Der Tod der Literatur.»

Bedacht. Nunez Protagonistin reflektiert ihre Beziehung zu Apollo. Sie hat Mühe mit dem Konzept der Dominanz und will keine Sklavenhalterin sein. Hundekommandos wie FUSS, SITZ oder RUNTER sind ihr zuwider. Apollo freuts. Er und seine 80 Kilos verbringen die meiste Zeit auf dem Bett. Und auch mit rührseligen Hundegeschichten kann Apollos Frauchen überhaupt nichts anfangen. Diese Anekdoten von Hunden, die Tag für Tag, jahrelang, an Bahnhöfen auf ihre verstorbenen Herrchen warten. «Es ist interessant, dass die Menschen solches Verhalten als Beispiel extremer Loyalität gedeutet haben und nicht extremer Dummheit oder einer anderen geistigen Einschränkung. Geschichten wie diese sind einer der Hauptgründe, warum mir Katzen immer lieber waren.»

Daumen runter

Nichts. Bin schon lange auf den Hund gekommen – mein Terrier Totoro ist einer meiner besten Freunde.

Was für besondere Hundegeschichten kennt ihr? Diskutiert mit auf Facebook Die BuchKönig bloggt., Link öffnet in einem neuen Fenster

Der Roman «Der Freund» von Sigrid Nunez steht in einem Hundefutternapf
Legende: Annette König hat den Roman «Der Freund» von Sigrid Nunez weggeputzt – auch ohne das Kommando FRISS. SRF

Die Autorin

Sigrid Nunez wurde 1951 in New York City geboren. Ihr Werk wurde mehrfach ausgezeichnet. Für ihren Roman «Der Freund» erhielt sie 2018 den renommierten National Book Award. Sie hatte Lehraufträge u.a. an der Columbia University inne. Zur Zeit ist sie writer in residence an der Bosten University. Sie lebt und arbeitet in New York City.

Das Buch: Sigrid Nunez: «Der Freund». (Aufbau Verlag, 2020)

Sämtliche Blogs von der «BuchKönig» könnt ihr hier nachlesen und den Radiobeitrag unten nachhören:

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen